Lernziele: Alles klar, oder?
Lernziele gelten als Selbstverständlichkeit der medizinischen Lehre. Doch aktuelle Forschung zeigt eine erstaunliche Lücke. Was Lehrende für klar halten, verstehen Studierende oft ganz anders. Klare Lernziele wirken nachweislich, scheitern aber regelmäßig am Brückenschlag in den Lehralltag. Fragt man Lehrende, ob ihre Lernziele klar formuliert sind, lautet die Antwort fast immer "ja, natürlich". Fragt Studierende, und Ihr bekommt ein anderes Bild. Hill und Kolleg*innen haben 2025 genau das getan und beide Gruppen dieselben Lernziele bewerten lassen. Die Lehrenden vergaben im Schnitt 4,39 von 5 Punkten, die Studierenden 3,27 (Hill et al., 2025). Mehr als ein ganzer Skalenpunkt Unterschied, statistisch hochsignifikant. Die Lücke ist dabei kein Motivationsproblem, sondern ein grundlegendes Kommunikationsdefizit. Sie zieht sich durch alle Ebenen der medizinischen Ausbildung. Der Begriff klingt nach Management-Jargon, der Kern ist aber simpel. Zuerst definieren, was am Ende herauskommen soll. Dann die Lehre darauf ausrichten. Dann prüfen, ob es geklappt hat. Ronald Harden hat dieses Konzept für die medizinische Ausbildung maßgeblich geprägt. 2007 beschrieb er drei Typen von Hochschulen im Umgang mit Lernzielen (Harden, 2007). Der Typ "Strauß" steckt den Kopf in den Sand und ignoriert Outcomes. Der Typ "Pfau" zeigt sie vor, ohne Konsequenzen für die Lehre zu ziehen. Der Typ "Biber" arbeitet konsequent am Outcome und richtet alles darauf aus. Viele Fakultäten halten sich für Biber, verhalten sich aber eher wie Pfaue. Lernziele stehen in den Modulhandbüchern, spielen aber im klinischen Lehralltag kaum eine Rolle. Bereits 2001 hat Harden im AMEE Guide Nr. 21 angemahnt, dass Curriculum Mapping mit expliziten Lernzielen die Grundlage für jede transparente Lehrplanung sein müsse (Harden, 2001). Dass klare Lernziele einen messbaren Unterschied machen, legt eine Studie von Chen und Kolleg*innen 2024 nahe. Nach Einführung eines konsequent outcome-basierten Curriculums an einer chinesischen Hochschule lagen die Bestehensquoten der Studierenden mehr als 20 Prozentpunkte über dem nationalen Durchschnitt (Chen et al., 2024). Es handelt sich dabei nicht um einen randomisierten Versuch, andere Faktoren könnten natürlich auch beigetragen haben. Aber der Effekt ist bemerkenswert groß und deckt sich mit der theoretischen Erwartung. Röcker und Kolleg*innen liefern 2021 ergänzende Daten aus Deutschland. In ihrer großen Längsschnittstudie mit 1.446 Medizinstudierenden im Praktischen Jahr ging es nicht um vorgegebene Lernziele aus dem Modulhandbuch, sondern um Ziele, die sich die Studierenden selbst setzten. Zu Wochenbeginn formulierten sie jeweils, was sie in den kommenden Tagen auf ihrer Station lernen wollten, am Wochenende bewerteten sie, wie weit sie das erreicht hatten. Als Orientierungsraster dienten die SMART-Kriterien, also spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert formulierte Ziele. Praktische Fertigkeiten standen mit 29 Prozent ganz oben auf der Wunschliste, gefolgt von diagnostischen Methoden mit 21 Prozent und professioneller Kommunikation mit 13 Prozent (Röcker et al., 2021). Über die Wochen hinweg sank die selbst eingeschätzte Zielerreichung allerdings spürbar ab. Wenn die geplante Punktion am Tagesprogramm vorbeigeht, das Aufnahmegespräch in der Notaufnahme abbricht oder schlicht keine Zeit für die selbst formulierte diagnostische Übung bleibt, klafft eine Lücke zwischen Lernziel und tatsächlich Erlebtem. Selbst gut formulierte Ziele scheitern dann leider an der klinischen Realität, ohne dass die Studierenden etwas dafür können. Die Umsetzung scheitert außerdem nicht nur am Wissen, sondern auch an der Haltung der Lehrenden. Barman und Kolleg*innen haben 2014 schwedische Lehrende interviewt und eine aufschlussreiche Spannung identifiziert. Manche erlebten Lernziele als echten Kompass für kompetenzorientierte Lehre, andere empfanden sie primär als bürokratische Pflichtübung, die von der eigentlichen Lehrtätigkeit ablenkt (Barman et al., 2014). Die qualitative Studie ist klein, aber sie benennt ein Muster, das viele Lehrende wiedererkennen dürften. Ob Lernziele als Werkzeug oder als Verwaltungsakt wahrgenommen werden, hängt stark von der Art der Einführung und der institutionellen Unterstützung ab. Vermutlich auch davon, ob Lehrende bei der Formulierung begleitet oder allein gelassen werden. Lernziele allein reichen nicht. Sie entfalten ihre Wirkung erst, wenn Lernziele, Lehr-Lern-Aktivitäten und Prüfungen ein kohärentes System bilden. Dieses Prinzip nennt sich Constructive Alignment und wurde von John Biggs geprägt. Doch wie verbreitet ist das Wissen darum wirklich? Valcke und Kolleg*innen haben 2025 Anatomie-Lehrende an mehreren zentraleuropäischen Standorten befragt. Mehr als 70 Prozent kannten den Begriff Constructive Alignment nicht, obwohl sie parallel mit Intended Learning Outcomes arbeiteten (Valcke et al., 2025). O'Sullivan und Kolleg*innen berichten Ähnliches aus der Gynäkologie. Lediglich 22 Prozent der befragten Fachärzt*innen konnten den Fokus von Outcome Based Education (nämlich auf Lernziele) korrekt benennen (O'Sullivan et al., 2025). Zwei Befunde aus unterschiedlichen Fächern, die aber dasselbe Muster zeigen. Lernziele existieren formal, werden aber konzeptionell nicht unbedingt verstanden. Es gibt auch ermutigende Befunde. Prior Filipe und Kolleg*innen haben 2020 ein Microlearning-Modul entwickelt, das klinischen Lehrenden in wenigen Minuten zeigt, wie gute Lernziele aussehen. Die Qualität der anschließend formulierten Lernziele verbesserte sich, und alle Teilnehmenden fanden die Intervention nützlich (Prior Filipe et al., 2020). Die Rücklaufquote lag bei 20 bis 29 Prozent, typisch für solche Interventionen. Wie eigentlich immer profitierten vor allem bereits motivierte Lehrende. Transparenzhinweis:Eine Wahrnehmungslücke

Fragt einmal Lehrende, fragt einmal Studierende
Was "Outcome-Based Education" eigentlich meint
Lernziele und Prüfungsergebnisse, was die Daten zeigen
Zwischen Kompetenzförderung und Bürokratie
Die vergessene Brücke, Constructive Alignment
Lernziele besser formulieren ist ein lösbares Problem
Was wir (noch) nicht wissen
Fazit
Referenzen
Wiederverwendung
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Eine Wahrnehmungslücke Lernziele gelten als Selbstverständlichkeit der medizinischen Lehre. Doch aktuelle Forschung zeigt eine erstaunliche Lücke. Was Lehrende für klar halten, verstehen Studierende oft ganz anders.
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Dates
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-
2026-05-07T00:00:00
- Updated
-
2026-05-07T00:00:00
References
- Barman, L., Silén, C., & Bolander Laksov, K. (2014). Outcome based education enacted: teachers' tensions in balancing between student learning and bureaucracy. Advances in Health Sciences Education, 19(5), 629–643. https://doi.org/10.1007/s10459-013-9491-3
- Chen, G., Wang, H., Zhou, L., Yang, J., Xu, L., & Liang, Y. (2024). Development and applications of graduate outcome-based curriculum for basic medical education. Frontiers in Medicine, 11. https://doi.org/10.3389/fmed.2024.1400811
- Harden, R. M. (2001). AMEE Guide No. 21: Curriculum mapping: a tool for transparent and authentic teaching and learning. Medical Teacher, 23(2), 123–137. https://doi.org/10.1080/01421590120036547
- Harden, R. M. (2007). Outcome-based education – the ostrich, the peacock and the beaver. Medical Teacher, 29(7), 666–671. https://doi.org/10.1080/01421590701729948
- Hill, C. J., McNamara, T., Ringel, R., Scheuer, L. S., Elzie, C., Offner, G., Neri, C., Cohen-Osher, M., Garg, P. S., & Wisco, J. J. (2025). Student and Faculty Differences in Perceived Utility of Learning Objectives in Pre-Clerkship Self-Learning Guides. Medical Science Educator, 35(3), 1393–1397. https://doi.org/10.1007/s40670-025-02316-9
- O'Sullivan, O. E., Leitao, S., Harney, S., Abdalla, M. E., & O'Donoghue, K. (2025). Introducing outcome-based education in obstetrics and gynaecology training: Perspectives of trainees and trainers. European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology, 306, 6–13. https://doi.org/10.1016/j.ejogrb.2025.01.003
- Prior Filipe, H., Paton, M., Tipping, J., Schneeweiss, S., & Mack, H. G. (2020). Microlearning to improve CPD learning objectives. The Clinical Teacher, 17(6), 695–699. https://doi.org/10.1111/tct.13208
- Röcker, N., Lottspeich, C., Braun, L. T., Lenzer, B., Frey, J., Fischer, M. R., & Schmidmaier, R. (2021). Implementation of self-directed learning within clinical clerkships. GMS Journal for Medical Education; 38(2):Doc43. https://doi.org/10.3205/zma001439
- Valcke, J., Csík, L. B., Säflund, Z., Nagy, A., & Eltayb, A. (2025). Anatomy education at central Europe medical schools: a qualitative analysis of educators' pedagogical knowledge, methods, practices, and challenges. BMC Medical Education, 25(1). https://doi.org/10.1186/s12909-025-07722-6