Mein Paper hat mehr als 100 Downloads – zählt das überhaupt?
Zitationen erfassen nur die sichtbare Spitze eines steilen Aufmerksamkeitstrichters. Was passiert mit dem Rest? Vor gut 14 Tagen ist ein Artikel (Friederichs, 2026) von mir erschienen und ich habe erfreut feststellen dürfen, dass er inzwischen schon über 250 mal angeschaut worden ist (sog. Views). Doch was bedeutet das? Wird dieser Artikel explodieren und mich berühmt machen? … Die kurze Antwort: Nein. Bevor wir in die Zahlen einsteigen, lohnt es sich, mit einer weit verbreiteten Fehlannahme aufzuräumen. Die hartnäckige Behauptung, 90 % aller wissenschaftlichen Artikel würden nie zitiert, ist eine akademische Wanderlegende. Harzing hat 2025 den Ursprung dieses Mythos auf journalistische Beiträge in Science Anfang der 1990er Jahre zurückverfolgt und gezeigt, wie er durch mangelhafte Referenzierungspraxis zum Selbstläufer wurde (Harzing, 2025). Die tatsächlichen Nicht-Zitationsraten sehen ganz anders aus: Bei einem 10-Jahres-Fenster bleiben in der Biomedizin nur etwa 4 % aller Artikel unzitiert, in der Chemie 8 %, in der Physik 11 %. Gelesen werden sie ohnehin weit häufiger als zitiert. Winker schätzte 2017 auf Basis eigener Download-Daten ein Verhältnis von etwa 10:1 zwischen Downloads und Zitationen, mit einzelnen Publikationen bei 100:1 (Winker, 2017). Ein Anleitungsartikel, den Dutzende nutzen aber niemand formal zitiert, ist nicht wirkungslos – er wird nur von einer Metrik erfasst, die für ihn nie gedacht war. Das eigentlich Spannende ist also nicht die Frage, ob Eure Artikel gelesen werden. Sondern wie steil der Weg vom Lesen zum Zitieren tatsächlich ist. Wang et al. haben 2014 an über 63.000 PLOS-Artikeln die Kaskade vom Seitenaufruf bis zur Zitation nachgezeichnet. Für Artikel der Jahrgänge 2009 bis 2012 ergaben sich im Durchschnitt 3.854 (!) Aufrufe und 11 Scopus-Zitationen (Wang et al., 2014, dieser Artikel ist allerdings ein Preprint). Zwischen diesen Stufen liegt ein massiver Abbruch. Viele scannen den Abstract, ohne je das PDF zu öffnen. Wer das PDF öffnet, liest nicht zwingend den Volltext. Und wer liest, schreibt deshalb noch lange keinen eigenen Artikel. Martin Fenner formulierte 2013 auf Basis der PLOS-Article-Level-Metrics eine Faustregel, die seitdem in der Bibliometrie kursiert. Auf etwa 300 Online-Aufrufe kommt durchschnittlich eine Zitation (Fenner, 2013). Diese Zahl stammt allerdings aus einer einzigen Plattform (PLOS, Open Access, Biomedizin) und lässt sich nicht ohne Weiteres verallgemeinern. Den empirisch belastbarsten Befund zum Verhältnis von Downloads und Zitationen verdanken wir Henk Moed. Er analysierte 2005 insgesamt 1.190 Artikel aus Tetrahedron Letters (eine renommierte Fachzeitschrift für organische Chemie) und fand, dass auf 100 Downloads innerhalb eines Zwei-Jahres-Fensters ungefähr eine Zitation entfiel (Moed, 2005). Seine erweiterte Studie von 2016 über 1.800 Zeitschriften bestätigte, dass sich dieses 100-zu-1-Verhältnis nach etwa 45 Monaten einpendelt (Moed & Halevi, 2016). Allerdings schwankt die Zahl je nach Fach und Zeitfenster erheblich. In den ersten Wochen nach Publikation, wenn Downloads bereits steil ansteigen, aber Zitationen noch nicht akkumulieren, liegt das Verhältnis bei 1.000 zu 1 oder darüber. Und Moed entdeckte dabei einen überraschenden Rückkopplungseffekt. Wenn ein Artikel zitiert wird, steigen seine Downloads in den drei Monaten danach um rund 25 % (Moed, 2005). Zitationen und Downloads sind also keine Einbahnstraße – sie verstärken sich gegenseitig. An diesem Punkt wird es für die Interpretation entscheidend. Zeitschriften mit vielen Downloads haben in der Regel auch viele Zitationen – auf dieser aggregierten Ebene passen beide Metriken gut zusammen. Schaut man sich aber einzelne Artikel an, bröckelt der Zusammenhang erheblich (Schloegl & Gorraiz, 2010). Die Erklärung ist eigentlich naheliegend. Jede Person mit Internetzugang kann einen Artikel herunterladen – Studierende, Praktizierende, neugierige Laien. Zitationen erzeugen dagegen nur publizierende Forschende. Downloads und Zitationen messen also verschiedene Dinge. Das eine ist ein Maß für Aufmerksamkeit, das andere für akademische Anschlussfähigkeit. Perneger hat 2004 am BMJ eine elegante Konversionsregel gefunden. Pro 100 zusätzliche HTML-Aufrufe in der ersten Woche erhielt ein Artikel 3,7 bis 4,4 zusätzliche Zitationen über fünf Jahre. Aufrufzahlen plus Artikellänge erklärten dabei 33 % der Varianz (Perneger, 2004). Das ist bemerkenswert viel für ein so frühes Mermal – aber eben auch nicht mehr als ein Drittel. Wer aus frühen Downloads auf spätere Zitationen schließen will, bewegt sich also auf eher unsicherem Terrain. Vom Download zum Lesen – Wie viele Downloads tatsächlich zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Text führen, ist empirisch kaum erfasst. Ein geöffnetes PDF ist noch kein gelesenes PDF. Verzerrung durch große Verlage – Die meisten Studien stammen von Elsevier und PLOS. Ob die Verhältniszahlen auf kleinere oder spezialisierte Zeitschriften übertragbar sind, bleibt offen. Dünne Datenlage in Feldern angewandter Wissenschaft – Für die medizinische Ausbildungsforschung und andere Nischendisziplinen fehlen belastbare Trichter-Daten fast vollständig. Social Media verändert den Trichter – Wie sich Twitter/X, Mastodon und Preprint-Server langfristig auf die Kaskade von Aufmerksamkeit zu Zitation auswirken, bleibt eine offene Frage. "Downloads = Leser" – Ein häufiger Fehlschluss. Die tatsächliche Leserzahl liegt irgendwo zwischen Download-Zahl und Zitationszahl, ist aber empirisch kaum bestimmbar. "Hohe Downloads garantieren hohe Zitationen" – Auf Artikelebene ist die Korrelation nur mäßig (r ≈ 0,3–0,5). Die meistgeladenen Artikel einer Zeitschrift sind oft nicht die meistzitierten (Schloegl & Gorraiz, 2010). "Die Verhältniszahlen gelten universell" – Nein. Fenners 300:1-Verhältnis stammt von einer einzelnen Open-Access-Plattform, Moeds 100:1 aus einem Chemie-Journal. In anderen Disziplinen und bei Subscription-Journals weichen die Verhältnisse teilweise deutlich ab. Der "nie gelesen"-Mythos ist falsch. Bei einem 10-Jahres-Fenster bleiben in den Naturwissenschaften nur 4–11 % der Artikel unzitiert. Gelesen werden sie ohnehin weit häufiger. 100 Downloads pro Zitation ist das empirisch robusteste Verhältnis – aber es variiert stark nach Disziplin, Zeitfenster und Zugangsmodell (Moed, 2005). Downloads und Zitationen messen Verschiedenes. Die Korrelation ist auf Zeitschriftenebene stark (r ≈ 0,9), auf Artikelebene aber nur mäßig (r ≈ 0,3–0,5) (Schloegl & Gorraiz, 2010). Wer beide Metriken gleichsetzt, vergleicht Äpfel mit Birnen. 99 % der Auseinandersetzung mit einer wissenschaftlichen Publikation verschwinden aus dem Blickfeld, wenn wir nur Zitationen zählen. Besonders lehrorientierte Arbeit und angewandte Forschung werden dadurch systematisch unterbewertet. Die Korrelation zwischen Downloads und Zitationen hängt stark von der Analyseebene ab. Schlögl und Gorraiz fanden 2010 für Onkologie-Zeitschriften Spearman-Korrelationen von r = 0,89 bis 0,92 auf Zeitschriftenebene, aber nur r = 0,32 bis 0,41 auf Artikelebene (Schloegl & Gorraiz, 2010). Brody et al. zeigten 2006 an über 109.000 arXiv-Artikeln, dass die maximale Vorhersagekraft von Downloads für Zitationen bei etwa 6–7 Monaten nach Publikation liegt (Boyce, 2005). Danach liefern frühe Download-Daten kaum noch zusätzlichen prädiktiven Wert. Schlögl et al. verglichen 2014 Downloads und Zitationen für Informationswissenschafts-Zeitschriften und fanden Download-Zitations-Korrelationen von r = 0,76–0,77 (Schlögl et al., 2014). Auf Zeitschriftenebene lagen die Download-Korrelationen mit r ≈ 0,9 wiederum deutlich höher als auf Artikelebene. Zeitliche Dynamiken spielen ebenfalls eine Rolle. Die Download-Halbwertszeit liegt bei etwa 1,7 Jahren, die Zitations-Halbwertszeit dagegen bei rund 5,6 Jahren (Schloegl & Gorraiz, 2010). Zitationen hinken Downloads um etwa zwei Jahre hinterher (logisch, da man schneller downloaden als publizieren kann). Moed fand zudem, dass Zitiert-Werden die Downloads eines Artikels in den drei Monaten nach dem Zitationsereignis um rund 25 % erhöht – eine bidirektionale Rückkopplungsschleife. Transparenzhinweis:Hundert Downloads, ein Fragezeichen

Die etwas längere erfordert einen Blick in den sog. Aufmerksamkeitstrichter, den jeder wissenschaftliche Artikel durchläuft.Die meisten Paper werden gelesen – nur nicht zitiert
Der steile Weg vom Klick zum Zitat
Hundert Downloads, eine Zitation
Warum Downloads und Zitationen verschiedene Dinge messen
Was wir (noch) nicht wissen
Achtung – Potenzielle Missverständnisse
Fazit – Was Ihr mitnehmen könnt
Transparenzkasten
Referenzen
Wiederverwendung
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Hundert Downloads, ein Fragezeichen Zitationen erfassen nur die sichtbare Spitze eines steilen Aufmerksamkeitstrichters. Was passiert mit dem Rest? Vor gut 14 Tagen ist ein Artikel (Friederichs, 2026) von mir erschienen und ich habe erfreut feststellen dürfen, dass er inzwischen schon über 250 mal angeschaut worden ist (sog. Views). Doch was bedeutet das? Wird dieser Artikel explodieren und mich berühmt machen?
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Dates
- Issued
-
2026-04-16T00:00:00
- Updated
-
2026-04-16T00:00:00
References
- Boyce, B. R. (2005). In this issue. Journal of the American Society for Information Science and Technology, 56(8), 777–778. https://doi.org/10.1002/asi.20232
- Fenner, M. (2013). What Can Article-Level Metrics Do for You?. PLoS Biology, 11(10), e1001687. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.1001687
- Friederichs, H. (2026). Is it worth publishing Open Access? – the scientific impact of Open Access publications in the field of medical education. Medical Education Online, 31(1). https://doi.org/10.1080/10872981.2026.2652722
- Harzing, A.-W. (2025). Myth Busted: Most Academic Research DOES Get Cited. https://harzing.com/publications/white-papers/myth-busted-most-academic-research-does-get-cited
- Moed, H. F. (2005). Statistical relationships between downloads and citations at the level of individual documents within a single journal. Journal of the American Society for Information Science and Technology, 56(10), 1088–1097. https://doi.org/10.1002/asi.20200
- Moed, H. F., & Halevi, G. (2015). On full text download and citation distributions in scientific‐scholarly journals. Journal of the Association for Information Science and Technology, 67(2), 412–431. https://doi.org/10.1002/asi.23405
- Perneger, T. V. (2004). Relation between online "hit counts" and subsequent citations: prospective study of research papers in the BMJ. BMJ, 329(7465), 546–547. https://doi.org/10.1136/bmj.329.7465.546
- Schloegl, C., & Gorraiz, J. (2010). Comparison of citation and usage indicators: the case of oncology journals. Scientometrics, 82(3), 567–580. https://doi.org/10.1007/s11192-010-0172-1
- Schlögl, C., Gorraiz, J., Gumpenberger, C., Jack, K., & Kraker, P. (2014). Comparison of downloads, citations and readership data for two information systems journals. Scientometrics, 101(2), 1113–1128. https://doi.org/10.1007/s11192-014-1365-9
- Wang, X., Liu, C., Fang, Z., & Mao, W. (2014). From Attention to Citation, What and How Does Altmetrics Work? (Version 1). arXiv. https://doi.org/10.48550/arxiv.1409.4269
- Winker, K. (2017). Eyeballs on science: Impact is not just citations, but how big is readership?. In Scientific Communication and Education. openRxiv. https://doi.org/10.1101/136689