Science Friction – Wie viel Arbeit macht eine Publikation?
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Wer eine wissenschaftliche Karriere plant, sollte ein realistisches Gefühl dafür haben, wie viel Zeit eine einzelne Originalarbeit verschlingt. Die Ideen sprudeln meist schnell, der Rest dauert. Wenn von "Zeit für ein Paper" die Rede ist, sind meist zwei sehr unterschiedliche Dinge gemeint. Die eine ist die Kalenderzeit, also die Spanne, die zwischen den Meilensteinen verstreicht, Wochen im Peer Review, Monate bis zur Online-Publikation. Die andere ist die aktive Arbeitszeit, die tatsächlich am Schreibtisch verbracht wird. Beide korrelieren nur schwach. Ein Manuskript kann monatelang in der Redaktion liegen, ohne dass jemand daran arbeitet. Drei intensive Schreibwochen wiederum bringen oft mehr als hundert Arbeitsstunden zustande, ohne nennenswert Kalender zu verbrauchen. Die überwältigende Mehrheit publizierter Studien zur Publikationsdauer misst die Kalenderzeit, weil sie sich aus Journal-Metadaten rekonstruieren lässt. Die aktive Arbeitszeit dagegen erfordert Selbstauskünfte und ist methodisch deutlich anspruchsvoller. Dieser Blogbeitrag folgt dem Weg eines Manuskripts und sammelt unterwegs ein, was die Forschung jeweils belegen kann. Beginnen wir mit der Arbeitszeit, weil sie am leichtesten unterschätzt wird. Song und Kolleg*innen erfassten in einer retrospektiven Befragung den Personenstundenaufwand von 171 publizierten retrospektiven Studien, indem sie die beteiligten Chirurg*innen baten, die Stunden über acht Phasen des Forschungszyklus zu schätzen, von der Studienplanung über Datenerhebung und Analyse bis zur Revision nach Einreichung. Der Median lag bei 177 Stunden pro Publikation, also rund 22 Achtstundentagen konzentrierter Arbeit einer einzelnen Person, bei einer Spanne von 29 (!) bis 1.287 Stunden (Song et al., 2013). Bemerkenswert ist, dass weder die Zahl der Autor*innen noch die Zahl der untersuchten Fälle mit dem Gesamtaufwand korrelierte. Mehr Mitautor*innen bedeuten also nicht automatisch weniger Arbeit für die einzelnen Köpfe. Ein erheblicher Teil dieser Stunden fließt dabei nicht in Erkenntnis, sondern in die Form. LeBlanc und Kolleg*innen befragten 372 Forschende aus 41 Ländern und fanden einen Median von 14 Stunden allein für die formelle Formatierung eines einzigen Manuskripts, also für das Anpassen von Layout, Referenzstil und Einreichungsvorgaben. Über das Jahr summiert sich das auf rund 52 Stunden pro Person, was Lohnkosten von etwa 1.900 US-Dollar entspricht, nur fürs Formatieren (!) (LeBlanc et al., 2019). Und diese Stunden verteilen sich selten auf geregelte Bürozeiten. Barnett und Kolleg*innen werteten über 49.000 Manuskripteinreichungen und 76.000 Gutachten bei BMJ-Zeitschriften aus und fanden, dass Einreichungen mit einer Wahrscheinlichkeit von 14 bis 18 Prozent am Wochenende und von 8 bis 13 Prozent an Feiertagen erfolgten, am häufigsten arbeiteten chinesische Forschende am Wochenende und um Mitternacht (Barnett et al., 2019). Wissenschaftliches Schreiben frisst also nicht nur Stunden, es frisst oft Freizeit. Ist das Manuskript eingereicht, beginnt die erste lange Wartezeit. Huisman und Smits werteten 3.500 Begutachtungserfahrungen der Plattform SciRev aus und fanden eine erste Antwortzeit, die stark nach Fach variiert, mit 8 bis 9 Wochen in der Medizin am unteren Ende und 16 bis 18 Wochen in den Geistes- und Wirtschaftswissenschaften am oberen Ende (Huisman & Smits, 2017). Ein nennenswerter Teil der Verzögerung entsteht dabei nicht im Gutachten selbst, sondern in der Redaktion, immerhin ein Drittel der Desk-Rejections dauerte länger als zwei Wochen, obwohl dafür kein externes Gutachten nötig ist. Wie lang die Gesamtspanne von der Einreichung bis zur Publikation ausfällt, lässt sich kaum auf eine einzige Zahl bringen. Andersen, Fonnes und Rosenberg fassten in einem systematischen Review 69 Studien zu biomedizinischen Zeitschriften zusammen und fanden eine mittlere Submission-to-Publication-Zeit, die zwischen 91 und 639 Tagen schwankte, je nach Fachgebiet und Journal (Andersen et al., 2021). Die Daten waren zu heterogen für eine sinnvolle Metaanalyse, und es zeigte sich kein systematischer Unterschied zwischen der Zeit bis zur Annahme und der Zeit von der Annahme bis zur Publikation. Mit anderen Worten, beide Teilstrecken können sich ziehen. Die Wartezeit hat eine Ursache, die in keiner individuellen Zeitrechnung auftaucht, nämlich den kollektiven Aufwand der Begutachtung. Kovanis und Kolleg*innen schätzten für das Jahr 2015 rund 63,4 Millionen Stunden, die weltweit in den Peer Review der biomedizinischen Literatur flossen, wobei ein kleiner Teil der Forschenden die Hauptlast trug, 20 Prozent erstellten zwischen 69 und 94 Prozent aller Gutachten (Kovanis et al., 2016). Auf die einzelne Begutachtung heruntergebrochen sind das im Schnitt rund 9,6 Stunden pro Review, allein für eine einzige Zeitschrift summierten Golden und Schultz so über 360.000 ehrenamtliche Stunden im Jahr (Golden & Schultz, 2012). Aczel und Kolleg*innen kamen für 2020 auf über 100 Millionen Stunden jährlich, mit einem geschätzten Gegenwert von mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar allein für US-amerikanische Gutachter*innen (Aczel et al., 2021). Eine aktuellere Erhebung von LeBlanc und Kolleg*innen beziffert die Kosten auf rund 1.272 US-Dollar pro Gutachter*in und Jahr und unter Einrechnung abgelehnter Manuskripte global auf rund 6 Milliarden US-Dollar, wobei die große Mehrheit der Begutachtungen unvergütet bleibt (LeBlanc et al., 2023). Dieser Aufwand ist die Kehrseite der Wartezeit, jede Woche, die ein Manuskript auf sein Gutachten wartet, ist auch eine Woche, in der jemand anderes unbezahlt für ein anderes Manuskript liest. Nach dem ersten Feedback folgt natürlich noch fast immer mindestens eine Revisionsrunde, bevor ein Manuskript endgültig angenommen wird. Bei klinischen Studien dehnt sich die Zeitskala noch einmal erheblich, und zwar schon vor der Einreichung. Hopewell und Kolleg*innen zeigten in einem Cochrane-Methoden-Review, dass Studien mit positiven Ergebnissen eine fast vierfach höhere Chance auf Publikation hatten als solche mit negativen (Odds Ratio 3,90) und zudem schneller erschienen, im Median nach vier bis fünf Jahren gegenüber sechs bis acht Jahren bei negativen Befunden (Hopewell et al., 2009). Dieser Time-Lag-Bias zugunsten positiver Ergebnisse ist seit Jahrzehnten dokumentiert und bedeutet, dass gerade die ernüchternden Befunde besonders lange auf sich warten lassen. Wer in der medizinischen Ausbildungsforschung publiziert, kennt das Phänomen aus eigener Erfahrung (und Geduld). Maggio und Kolleg*innen analysierten die Publikationszeiten in 24 Medical-Education-Journalen zwischen 2018 und 2022 und fanden eine durchschnittliche Submission-to-Publication-Zeit von gut 300 Tagen (Maggio et al., 2024). Das liegt im oberen Bereich der breiten biomedizinischen Spanne, die Andersen berichtet hatte. Die Gründe für die generell langen Zeiten sind nicht abschließend geklärt. Vermutlich spielen kleinere Reviewer-Pools, die methodische Heterogenität qualitativer und gemischter Designs sowie längere Revisionsrunden eine Rolle. Für junge Medical Educators mit Tenure-Druck ist die lange Bearbeitungszeit eine Erkenntnis von praktischer Bedeutung, die man bei der Karriereplanung lieber kennen sollte, als sie erst nach drei eingereichten Manuskripten selbst zu entdecken. Zwei Entwicklungen versprechen, den Weg zu verkürzen. Preprints machen Ergebnisse verfügbar, lange bevor die formale Publikation abgeschlossen ist. Allerdings ersetzen sie diese nicht, Drzymalla und Kolleg*innen verfolgten 39.243 COVID-bezogene Preprints und fanden, dass nur 20 Prozent je in einer Fachzeitschrift erschienen, im Median 178 Tage nach dem Preprint (Drzymalla et al., 2022). Die Erkenntnis-Verfügbarkeit ist also beschleunigt, die formale Publikation dauert weiter Monate. Die Pandemie hat zudem gezeigt, dass es schneller geht, wenn man will, Horbach fand für COVID-Artikel eine um 49 Prozent verkürzte Bearbeitungszeit, während sich für Nicht-COVID-Artikel nichts beschleunigte (Horbach, 2020). Generative KI ist die zweite, noch offene Abkürzung. Frühe journalistische Analysen in Nature beschreiben Zeitersparnis beim Schreiben, Korrekturlesen und Referenzieren, mit besonderem Nutzen für nicht-englische Muttersprachler*innen, weisen aber zugleich auf Risiken wie Paper-Mills und eine mögliche Flut minderwertiger Manuskripte hin (Conroy, 2023a). In einem vielzitierten Experiment ließ sich mit ChatGPT in rund einer Stunde ein vollständiges, sprachlich flüssiges Manuskript erzeugen, das aber an Neuheit und Genauigkeit krankte (Conroy, 2023b). Belastbare Vorher-Nachher-Vergleiche zum tatsächlichen Stundenaufwand fehlen bislang. Reine Arbeitszeit: Song et al. 2013 (retrospektive Survey, 171 chirurgische Studien, 13 Chirurg*innen, 81 % Rücklauf): Median 177 h pro Publikation (Range 29–1.287), entspricht rund 22 Achtstundentagen; keine Korrelation mit Autoren- oder Probandenzahl; Hauptanteile Datenerhebung 23 %, Manuskripterstellung 22 %, Datenanalyse 13 % (Song et al., 2013). Formatierungsaufwand: LeBlanc et al. 2019 (Survey, n = 372 aus 41 Ländern): Median 14 h pro Manuskript, 52 h pro Person und Jahr, rund 1.908 US-Dollar Lohnkosten pro Person und Jahr (LeBlanc et al., 2019). Arbeitszeitmuster: Barnett et al. 2019 (> 49.000 Einreichungen, > 76.000 Reviews, BMJ-Journale 2012–2019): Wochenend-Wahrscheinlichkeit 0,14–0,18, Feiertags-Wahrscheinlichkeit 0,08–0,13; chinesische Forschende am häufigsten am Wochenende und um Mitternacht (Barnett et al., 2019). Erste Antwortzeit: Huisman & Smits 2017 (n = 3.500 SciRev-Berichte): Median der Erstantwort 8–9 Wochen (Medizin) bis 16–18 Wochen (Geistes-/Wirtschaftswissenschaften); ein Drittel der Desk-Rejections dauerte über zwei Wochen (Huisman & Smits, 2017). Gesamtspanne biomedizinisch: Andersen, Fonnes & Rosenberg 2021 (systematisches Review, 69 Studien): Submission-to-Publication 91–639 Tage, zu heterogen für Metaanalyse, kein systematischer Unterschied zwischen Submission-to-Acceptance und Acceptance-to-Publication (Andersen et al., 2021). Peer-Review-Aufwand: Kovanis et al. 2016: rund 63,4 Mio. Stunden (2015), 20 % der Forschenden erstellen 69–94 % der Gutachten (Kovanis et al., 2016). Golden & Schultz 2012 (310 Gutachter*innen): im Schnitt 9,6 h pro Review, über 360.000 ehrenamtliche Stunden jährlich allein für eine Zeitschrift (Golden & Schultz, 2012). Aczel et al. 2021: über 100 Mio. Stunden (2020), Gegenwert > 1,5 Mrd. US-Dollar (nur USA) (Aczel et al., 2021). LeBlanc et al. 2023 (n = 308, 33 Länder): rund 1.272 US-Dollar pro Person und Jahr, global 1,1–1,7 Mrd., mit abgelehnten Manuskripten rund 6 Mrd. US-Dollar; 87,5 % unvergütet (LeBlanc et al., 2023). Klinische Studien (Time-Lag): Hopewell et al. 2009 (Cochrane, 5 Kohorten): positive Studien OR 3,90 für Publikation, Median 4–5 Jahre vs. 6–8 Jahre bei negativen Befunden (Hopewell et al., 2009). Medical Education: Maggio et al. 2024 (24 Journale, 2018–2022): Submission-to-Publication im Schnitt 300,8 Tage (SD 200,8); COVID-Overlap 539 Tage, COVID-endemisch 226 Tage (F(2, 7473) = 2150,7; p < 0,001) (Maggio et al., 2024). Preprints und Pandemie: Drzymalla et al. 2022 (39.243 COVID-Preprints): 20 % publiziert, Median 178 Tage bis zur Journalpublikation (Drzymalla et al., 2022). Horbach 2020 (14 Journale, 669 Artikel): COVID-Artikel 49 % schneller, Nicht-COVID unverändert (Horbach, 2020). Transparenzhinweis:Wie viel Zeit kostet eine Publikation?

Zwei Zeiten, eine Publikation
Was die reine Arbeitszeit kostet
Einreichen und auf das erste Feedback warten
Peer Review, der unsichtbare Großaufwand
Klinische Studien: die wirklich lange Bank
Medical Education als Sonderfall
Preprints und KI: zwei Abkürzungen mit Grenzen
Was wir (noch) nicht wissen
Fazit
Referenzen
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Wie viel Zeit kostet eine Publikation? Wer eine wissenschaftliche Karriere plant, sollte ein realistisches Gefühl dafür haben, wie viel Zeit eine einzelne Originalarbeit verschlingt. Die Ideen sprudeln meist schnell, der Rest dauert. Zwei Zeiten, eine Publikation Wenn von "Zeit für ein Paper" die Rede ist, sind meist zwei sehr unterschiedliche Dinge gemeint.
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- Issued
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2026-05-21T00:00:00
- Updated
-
2026-05-21T00:00:00
References
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