Demokratie in 60 Minuten – Demokratiedialoge an der TIB
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Woche der Meinungsfreiheit 2026: Was ist wahr?
Vom 3. bis 10. Mai 2026 findet zum sechsten Mal die Woche der Meinungsfreiheit statt. Unter dem Motto "Was ist wahr?" geht es in der bundesweiten Aktionswoche um Fakten, Meinungen und Wahrhaftigkeit. In Demokratien ist Meinungsfreiheit ein hohes Gut. Doch was passiert, wenn Menschen nachweislich falsche Informationen verbreiten?
Als Bibliothek und wissenschaftliche Infrastruktureinrichtung steht die TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek für freien Zugang zu Wissen, digitale Souveränität und faktenbasierte Informationen – grundlegende Pfeiler einer demokratischen Gesellschaft. Denn nur wer Zugang zu verlässlichen Informationen hat, kann sich eine freie Meinung bilden. In den kommenden Tagen zeigen wir in Beiträgen im TIB-Blog, wie wir als TIB, die Meinungsfreiheit stärken: mit Citizen-Science-Projekten, mit dem freien Zugang zu Informationen, die eine objektive Meinungsbildung ermöglichen, und mit Forschungsansätzen im Bereich der Erkennung von Desinformation.
Die TIB ist mehr als ein Lernort – sie ist ein Raum, in dem demokratische Werte aktiv gelebt werden. Grundlage hierfür ist das klare Selbstverständnis der TIB, das auch auf gut sichtbaren Tafeln in der Bibliothek formuliert ist: Die TIB steht für Demokratie und die Wahrung der Grundrechte, für Vielfalt, Weltoffenheit und einen respektvollen Umgang miteinander.
Dieses Selbstverständnis steht zugleich in einer langen Tradition: Bibliotheken übernehmen in demokratischen Gesellschaften eine zentrale Rolle. Sie sichern den freien Zugang zu Informationen und tragen damit wesentlich dazu bei, dass Meinungsfreiheit überhaupt ausgeübt werden kann. Im Rahmen ihrer Aufgabe, die Bevölkerung mit verlässlichen Informationen zu versorgen, fühlen sie sich diesem Grundrecht in besonderer Weise verpflichtet.
Denn eine funktionierende Demokratie braucht eine informierte Öffentlichkeit. Nur wer Zugang zu Wissen hat, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen kann und die Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung erhält, ist in der Lage, sich eine fundierte Meinung zu bilden und am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Genau hier setzen Bibliotheken an und schaffen die Voraussetzungen für eine demokratische Willensbildung.
Auch international wird diese Rolle klar benannt. So gehört es unter anderem im Ethikkodex der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) zu den zentralen Aufgaben von Bibliotheken, zur Stabilität und Weiterentwicklung demokratischer Strukturen beizutragen. Bibliotheken sind damit nicht nur Orte des Wissens, sondern auch aktive Akteurinnen im demokratischen Gefüge.
Vor diesem Hintergrund erhält die Woche der Meinungsfreiheit eine besondere Bedeutung. Sie lenkt den Blick darauf, wie wichtig Räume sind, die den offenen Zugang zu Informationen sichern und den Austausch von Ideen ermöglichen. Die TIB ist ein solcher Raum und sie regt dazu an, Meinungsvielfalt nicht nur zu akzeptieren, sondern konstruktiv zu nutzen.
Von der Idee zur Praxis
Daran knüpft das vom Verein Mehr Demokratie e. V. entwickelte Projekt "Demokratiedialoge in Niedersächsischen Bibliotheken" an. Es hat das Ziel, öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken in Niedersachsen dabei zu unterstützen, Formate aufzubauen, die Demokratie erlebbar machen.
So trafen sich im März 2026 circa 30 Bibliothekar*innen aus 14 niedersächsischen Bibliotheken und wurden als sogenannte "Demokratielots*innen" ausgebildet. Wie die Demokratiedialoge konkret in der Praxis wirken, zeigen unsere persönlichen Eindrücke aus dem Training.
Erster Baustein war ein Training für eine starke Stimme:
"Beim Thema Klimaschutz geht es mir um ein gutes Leben für alle", sage ich möglichst laut, das ist Teil der Übung. Unsere Gruppe hat einen Kreis gebildet. In den vorangegangenen fünf Minuten haben wir zu bestimmten politischen Themen Sätze aufgeschrieben, die unsere Haltung wiedergeben: "Ich wünsche mir Anerkennung für Care-Arbeit" oder "Für mich bedeutet Vielfalt, dass unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar sind". Wir sprechen unsere Sätze nacheinander laut in die Gruppe, die anderen hören zu. Keine Ablehnung, keine Zustimmung, keine Diskussion. Diese Vielfalt an Stimmen und Meinungen in einer Gruppe von 20 Menschen zu hören, ist eine Erfahrung, an die ich in den Folgetagen noch lange zurückdenken werde.
Es folgte eine Übung für das aktive Zuhören:
"Wie ging es denn weiter mit deinem Projekt?", fragt mich meine Kollegin in der Kaffeepause. Wir sehen uns zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen. Beim letzten Treffen haben wir etwa zehn Minuten miteinander gesprochen, in einer Übung, in der wir uns in Zweiergruppen von einem Erlebnis erzählen sollten, für das wir an diesem Tag dankbar sind. Es ist in dieser kurzen Zeit ein Gespräch entstanden, das uns beiden im Gedächtnis geblieben ist – und wir wollen drei Wochen später unbedingt voneinander wissen, wie es uns in der Zwischenzeit ergangen ist."
Geleitet von der Frage "Hören wir uns in Gesprächen noch wirklich zu?", hat der Verein Mehr Demokratie e. V. das Dialogformat "Sprechen und Zuhören" entwickelt. Ziel ist ein hierarchiefreier Austausch, in dem das eigene Erleben und Empfinden zu einem vorgegebenen Thema mitgeteilt werden kann. In Kleingruppen sprechen die Beteiligten nacheinander jeweils vier Minuten ohne Unterbrechung und Zwischenfragen, es folgen zwei weitere Runden zur gleichen oder leicht modifizierten Fragestellung.
"Wie geht es dir mit dem Thema Heimat?" – etwa 30 Personen sitzen verteilt im Raum zu dritt oder zu viert zusammen. Wir alle beantworten dieselbe Frage und ich habe vier Minuten Redezeit. Ich fange spontan an zu erzählen, von den unterschiedlichen Orten, an denen ich gelebt habe, und dem kleinen Städtchen in Süddeutschland, in dem ich groß geworden bin. Dann ist meine Sitznachbarin an der Reihe. Sie erzählt nicht von bestimmten Orten, sondern Personen, die ihr wichtig sind, Freundschaften und Familie. Später sagt sie, dass ein Ortswechsel dazu führt, dass man sich ganz anders mit seiner Herkunft auseinandersetzt. Dass man sich stärker mit seiner Kultur verbunden fühlt, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist – zum Beispiel, weil man in einer anderen Gegend lebt. Ich werde später öfter daran denken, was sie gesagt hat. Die nächste Person möchte gar nicht vier Minuten lang sprechen. Sie erzählt kurz, dann schweigt sie, bis die vier Minuten vorbei sind.
Das Format hat das Ziel, das demokratische Miteinander zu stärken und wurde schon häufig in kommunalpolitischen Gestaltungsprozessen angewandt. Je nach Themenstellung (beispielsweise Klimawandel, Ukraine-Krieg, Umgang mit der AfD) lässt es sich auf verschiedene Gruppenzusammensetzungen übertragen.
Demokratie in 60 Minuten? Ein gutes Gespräch braucht nicht viel Zeit – und kann viel bewegen.
Ausblick
Sie möchten selbst einmal an einem Demokratiedialog teilnehmen? Wir arbeiten daran, das Format künftig bei uns anzubieten. Aktuelle Termine veröffentlichen wir dann auf unserer Webseite.
Haben Sie Interesse, "Sprechen und Zuhören" im Rahmen eines Seminars, einer Veranstaltung oder eines Workshops durchzuführen? Für Angehörige der Leibniz Universität Hannover (LUH) bieten wir das Format auf Anfrage an. Nehmen Sie unter Information.Conti-Campus@tib.eu gerne Kontakt mit uns auf!
Übrigens: Am Standort Sozialwissenschaften erwartet Sie ein thematisch gestaltetes Bücherregal mit einer kuratierten Auswahl passender Literatur zur Woche der Meinungsfreiheit, das zur offenen Auseinandersetzung einlädt.
Additional details
Description
Woche der Meinungsfreiheit 2026: Was ist wahr? Vom 3. bis 10. Mai 2026 findet zum sechsten Mal die Woche der Meinungsfreiheit statt. Unter dem Motto "Was ist wahr?" geht es in der bundesweiten Aktionswoche um Fakten, Meinungen und Wahrhaftigkeit. In Demokratien ist Meinungsfreiheit ein hohes Gut. Doch was passiert, wenn Menschen nachweislich falsche Informationen verbreiten?
Identifiers
- UUID
- 781e17c6-f007-4c22-a051-6ee8fc48fbb6
- GUID
- https://blog.tib.eu/?p=31886
- URL
- https://blog.tib.eu/2026/05/07/demokratie-in-60-minuten-demokratiedialoge-an-der-tib/
Dates
- Issued
-
2026-05-07T13:14:31
- Updated
-
2026-05-07T13:15:44