Published May 5, 2026 | https://doi.org/10.59350/febth-63s37

Open Research in Berlins Wahlprogrammen 2026: Zwischenbilanz und Ernüchterung

Creators & Contributors

Im Herbst 2026 wird in Berlin wieder gewählt. Laut dem offiziellen Internet-Auftritt der Stadt Berlin sind für den 20. September 2026 die Wahlen zum 20. Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen angekündigt.

Ein Blick in die bisher verfügbaren Wahlprogramme legt allerdings nahe, dass die meisten Parteien den Anschluss an aktuelle Herausforderungen und Chancen einer offenen Wissenschaft für Berlin verpassen. Das Open Research Office Berlin hat die Programme unter die Lupe genommen und sieht die derzeitige Entwicklung kritisch. Ein Kommentar.

Bündnis 90/Die Grünen Berlin

Digitale Souveränität in Bildung und Wissenschaft stärken

Wir reduzieren Abhängigkeiten von proprietären, außereuropäischen Plattformen in Schulen und Hochschulen und stärken Datenschutz, pädagogische Freiheit und wissenschaftliche Unabhängigkeit. Dafür setzen wir auf europäische, gemeinwohlorientierte und quelloffene Lösungen sowie offene Standards – auch beim Einsatz von KI-Systemen.

Politik ändern, Berlin bleiben

Die Linke Berlin

Wissenschaft in Berlin öffnen, weiter digitalisieren und für die Stadt entwickeln

So sollen die Aufgaben und Forschungsfragen der Hochschulen gemeinsam mit der Stadtgesellschaft entwickelt werden und die wissenschaftlichen Ergebnisse geeignet der Stadtgesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Wir wollen OpenScience durch gezielte Förderung weiter ausbauen und Forschende und Lehrende stärker dabei unterstützen, ihre Ergebnisse der Allgemeinheit im Sinne von OpenResearch und OpenAccess zur Verfügung zu stellen sowie hierzu entsprechende gesetzliche Vorgaben umsetzen. Zudem sollen Maßnahmen zur Wissenschaftskommunikation ausgebaut und abgesichert werden. Wir wollen die Senatsverwaltung in die Lage versetzen, diesen Prozess geeignet anzuregen und zu begleiten.

Berlin bezahlbar machen. Entwurf. Antrag für den Landesparteitag am 25. April

CDU Berlin

Rechtssicherer Ausbau digitaler Angebote

Open-Access-Publikationen, aber auch digitale Lehr- und Lernformate sowie offene Forschungsdaten müssen etwa durch Regelungen in den Hochschulverträgen unterstützt werden. Wir werden uns auf Bundes- und europäischer Ebene für ein wissenschaftsfreundliches Urheber-, Nutzungs- und Verwertungsrecht und einen rechtlich gesicherten Ausbau der Open Access- und Open Data-Angebote einsetzen.

Unser Berlin. Mehr geht nur gemeinsam

SPD Berlin

Zentrale Digitalisierungskompetenz

Open-Source-Software und offene Standards treiben wir voran und stärken damit unsere digitale Souveränität. Wo sinnvoll, nutzen wir Lösungen anderer Länder. Mehr Zentralisierung auf Bundesebene stehen wir offen gegenüber, um Effizienz zu gewinnen.

Entwurf Wahlprogramm der SPD Berlin zur Abgeordnetenhauswahl 2026

Das Wahlprogramm der AfD unter dem Motto „Berlin.Stark.Machen“ ist noch nicht fertig und soll erst am 30. Mai auf einem Parteitag beschlossen werden.

Kommentar des Open Research Office Berlin zu Berlins Wahlprogrammen

Strategische Entwicklung von Open Access zu Open Research

Vor etwa zehn Jahren galt Berlin als Vorreiter der Open‑Access‑Bewegung. Um wissenschaftliches Wissen, das mit öffentlichen Mitteln finanziert wird, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, verabschiedete das Berliner Abgeordnetenhaus 2015 die Open-Access-Strategie Berlin .

Seitdem wurden mehrere Ziele erreicht. Erstmals nach Verabschiedung der Strategie haben inzwischen alle 14 Hochschulen in Berlin Open‑Access‑Beauftragte benannt, und 12 von 14 Hochschulen verfügen über eigene Open‑Access‑Policies. Das Land Berlin hat die Rahmenbedingungen für eine offene Wissenschaft kontinuierlich angepasst: Open Access wurde in den Hochschulverträgen verankert und seit 2021 sind Ziele für eine offene Wissenschaft im Berliner Hochschulgesetz festgeschrieben.

Die Strategie schuf durch übergeordnete Maßnahmen sehr gute Voraussetzungen, das Thema im Forschungsraum Berlin weiter voranzubringen. Dazu zählen die Einrichtung einer Landeskoordination durch das Open Research Office Berlin, die Verstetigung des Förderprogramms zur Digitalisierung des Kulturerbes und die Etablierung des Forschungs‑ und Kompetenzzentrums digiS.

Berlin bietet eine einzigartige Open-Research-Landschaft in Wissenschaft und Kulturerbe

Im Februar 2025 hat sich die landesweite Arbeitsgruppe auf Leitungsebene unter dem Namen Landesinitiative Open Research Berlin neu konstituiert. Diese Arbeitsgruppe ist seit 2014 das zentrale Gremium zwischen den Wissenschafts‑ und Kulturerbe‑Einrichtungen und dem Land Berlin. Ihre Aufgaben sind unter anderem die Begleitung hochschulpolitischer Rahmenbedingungen und die Förderung einrichtungsübergreifender Kooperationen zum Thema Open Research.

Der Kulturwandel hin zu offener Wissenschaft ist in Berlin deutlich spürbar und wird weiter voranschreiten. Ergebnisse des Berlin Science Survey zeigen eine hohe Zustimmung zur offenen Wissenschaft. Parallel setzen nationale und internationale Initiativen Impulse — etwa die gemeinsamen Leitlinien von Bund und Ländern zu Open Access in Deutschland, die europäische CoARA‑Erklärung für eine Reform der Forschungsbewertung und die UNESCO Open Science Recommendation. Die Berlin University Alliance (BUA) verabschiedete im Herbst 2023 ein Leitbild für offene Wissenschaft; jede BUA‑Einrichtung hat inzwischen eigene Prioritäten zur Umsetzung festgelegt.

Das Open Research Office hat zudem Zielmarken für die Open‑Research‑Strategie Berlin veröffentlicht und koordiniert aktuell die Veröffentlichung eines Diskussionspapiers der Landesinitiative Open Research Berlin.

Verpasst Berlin den Anschluss bei Open Research?

Open Research wird künftig stärker als bisher die Qualität des Wissenschaftsstandorts Berlin mitbestimmen. Dabei umfasst Open Research mehr als Open‑Access‑Publikationen: Die Landesinitiative versteht Open Research als gleichwertige Arbeit in den Domänen Wissenschaft und Kultur und betont die Bedeutung verschiedener Wissenssysteme und Fachgemeinschaften. Im Sinne der UNESCO‑Empfehlung gehören dazu offene wissenschaftliche Erkenntnisse, offene Infrastrukturen sowie die Einbindung gesellschaftlicher Akteur*innen und der Dialog mit anderen Wissenssystemen.

Die in Berlin etablierten Maßnahmen sollten deshalb aufgegriffen, fortgeführt und ausgebaut werden. In den aktuellen Entwürfen der Wahlprogramme wird dies jedoch kaum umgesetzt.

Bündnis 90/Die Grünen formulieren digitale Souveränität als Ziel und wollen Abhängigkeiten von proprietären, außereuropäischen Plattformen in Schulen und Hochschulen reduzieren. Die Rolle von Open Research und souveränen, offenen Informationsinfrastrukturen für die Wissenschaft bleibt in ihrem Entwurf unerwähnt.

Die CDU Berlin fordert, Open‑Access‑Publikationen und offene Forschungsdaten über Regelungen in den Hochschulverträgen zu unterstützen. Das ist sinnvoll, wird jedoch seit Jahren bereits praktiziert und reicht bei weitem nicht aus. Der Einsatz für ein wissenschaftsfreundliches Urheber‑, Nutzungs‑ und Verwertungsrecht, um den rechtlich gesicherten Ausbau von Open‑Access‑ und Open‑Data‑Angeboten zu ermöglichen, ist hingegen eine zentrale Forderung des Open Research Office Berlin.

Das Wahlprogramm der SPD Berlin bleibt vage: Es verweist im Wesentlichen auf zentrale Digitalisierungskompetenzen und will Open‑Source‑Software sowie offene Standards vorantreiben, um die digitale Souveränität zu stärken.

Nur Die Linke Berlin adressiert neben Open Access auch ausdrücklich Open Science und Open Research. Sie will Open Science durch gezielte Förderung ausbauen und Forschende sowie Lehrende stärker darin unterstützen, ihre Ergebnisse im Sinne von Open Research und Open Access der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Zudem benennt Die Linke Berlin die Senatsverwaltung als wichtigen Partner zur Gestaltung und Begleitung dieser Prozesse.

Darüber hinaus fordert Die Linke Berlin die Einbindung gesellschaftlicher Akteur*innen: Hochschulen sollen nicht nur ihre wissenschaftlichen Ergebnisse in geeigneter Form der Stadtgesellschaft zur Verfügung stellen, sondern gemeinsam mit ihr Forschungsfragen entwickeln.

Wir hoffen, dass die Parteien in ihren Programmentwürfen noch nachjustieren und Open Research stärker berücksichtigen. Über Entwicklungen und Debatten berichten wir regelmäßig auf unserem Blog.

Weitere Analysen

Zitiervorschlag für diesen Beitrag:
Neufend, Maike (2026): Open Research in Berlins Wahlprogrammen 2026: Zwischenbilanz und Ernüchterung. Open Research Office Berlin. 06. Mai 2026. https://doi.org/10.59350/febth-63s37

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Description

Im Herbst 2026 wird in Berlin wieder gewählt. Laut dem offiziellen Internet-Auftritt der Stadt Berlin sind für den 20. September 2026 die Wahlen zum 20. Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen angekündigt.

Identifiers

UUID
18fd09a8-b3f1-4456-8bfc-d5e2ad1a00e9
GUID
https://blogs.fu-berlin.de/open-research-berlin/?p=3986
URL
https://blogs.fu-berlin.de/open-research-berlin/2026/05/05/open-research-berlinwahl-2026/

Dates

Issued
2026-05-05T12:42:05
Updated
2026-05-08T13:09:26