Published February 19, 2026 | https://doi.org/10.59350/trv0w-m3703

Mehr als Schaumschlägerei? FOAM in der ärztlichen Weiterbildung

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Lernen ohne Hörsaal: Wie wissenschaftliche Blogs die medizinische Ausbildung verändern

Kostenlose Online-Ressourcen verändern die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten. Doch die Bewegung steht an einem Scheideweg, irgendwo zwischen Innovation und Schaumschlägerei.

Ein Podcast im OP-Vorraum

Es ist 6:30 Uhr morgens. Eine junge Ärztin in der Notaufnahme wartet auf die Übergabe und scrollt durch ihr Smartphone. Nicht durch Social Media, sondern durch einen Blog, der die Einteilung der Weber-Frakturen genau erklärt (weil der neue Chef so pingelig ist). In den Ohren: ein Podcast über die neuesten Sepsis-Leitlinien, da Hr. Müller heute Nacht aufgefiebert hat. Was früher mal lange Recherche erforderte, steckt heute in der Kitteltasche.

Willkommen in der Welt von Free Open Access Medical Education, kurz FOAM. Eine Bewegung, die verspricht, medizinisches Wissen zu demokratisieren. Studierende nutzen solche Ressourcen längst als selbstverständlichen Teil ihres Lernalltags, oft ganz ohne Empfehlung ihrer Fakultät (Morgan, 2025). Aber ist das alles nur Hype, oder steckt Substanz dahinter?

Was ist FOAM eigentlich?

Der Begriff FOAM (oder FOAMed) wurde 2012 auf einer internationalen Konferenz in Irland geprägt (Chan et al., 2020). Er beschreibt eine "dynamische Sammlung von Ressourcen und Werkzeugen für lebenslanges Lernen in der Medizin, sowie eine Gemeinschaft und ein Ethos" (Morgan, 2025). Im Kern geht es um Blogs, Podcasts, Videos und Infografiken, die medizinisches Wissen frei zugänglich machen.

Die Ursprünge liegen in der Notfall- und Intensivmedizin. Pioniere wie die Macher von Life in the Fast Lane oder dem EMCrit Podcast begannen Anfang der 2000er Jahre, ihr Wissen online zu teilen (Chan et al., 2020). Damals als Hobby. Zwischenzeitlich nutzten über 99 % der angehenden Fachärzt*innen für Notfallmedizin in Nordamerika solche Ressourcen regelmäßig (Purdy et al., 2015).

Der rasante Aufstieg – und erste Warnsignale

Zwischen 2002 und 2013 wuchs z. B. die Zahl der Notfallmedizin-Blogs und -Podcasts von drei Websites auf 183. Eine Dynamik, die klassische Lehrbuchverlage und Fachgesellschaften aufhorchen ließ. Doch dann gab es einen Knick. 2022 waren nur noch 109 aktive Seiten übrig, ein Rückgang von über 40 % (Lin et al., 2022). Was ist passiert?

FOAM startete als Außenseiter, der einen ungedeckten Bedarf bediente. Als etablierte Institutionen wie Fachgesellschaften, Verlage und Krankenhäuser das Potenzial erkannten, begannen sie jedoch eigene Angebote zu entwickeln (Chan et al., 2020). Mit professionellen Teams und stabiler Finanzierung. Viele ehrenamtliche Blogger konnten da nicht mehr mithalten. Ein Blog kostet Zeit und Geld. (Im Median sind es rund 23.000 US-Dollar jährlich, wenn Arbeitszeit und Hosting eingerechnet werden (Ahmed et al., 2025)). Ohne institutionelle Unterstützung ist das schwer zu stemmen.

Was Lernende schätzen – und was Lehrende übersehen

Eine kanadische Querschnittsstudie unter Weiterbildungs(WB)-Ärzt*innen in der Notfallmedizin und ihren Weiterbildungsbefugten (Chefärzt*innen) offenbart eine interessante Kluft (Purdy et al., 2015). 91 % der WB-Ärzt*innen nutzten Podcasts mindestens monatlich. Bei den Weiterbildern waren es immerhin noch 45 %. Die WB-Ärzt*innen bewerteten den Unterhaltungswert deutlich höher als ihre Ausbilder. Was aufhorchen lässt: etwa 23 % der WB-Ärzt*innen hielten Quellenangaben für unwichtig, während alle Weiterbildungsbefugten sie als essenziell einstuften.

Die Generation, die mit YouTube und Spotify aufgewachsen ist, lernt anders. Kurze, ansprechend aufbereitete Inhalte funktionieren. Doch die fehlende Wertschätzung für Referenzen sollte nachdenklich stimmen.

Das Qualitätsproblem: Wem kann man trauen?

Bei FOAM gibt es keine Garantie für Qualität. Jeder kann einen Blog starten. Jeder kann Ratschläge geben. Wie also trennt Ihr den soliden Schaum vom heißen Dampf?

Ein internationales Team von Medizindidaktikern hat sich dieser Frage in einem Delphi-Konsensus-Verfahren gewidmet und 13 Qualitätsindikatoren identifiziert, die breite Zustimmung fanden (Lin et al., 2015).

Acht Indikatoren betreffen die Glaubwürdigkeit, darunter die Offenlegung von Interessenkonflikten (100 % Konsens), eine klare Autorenidentität, die Trennung von Fakten und Meinung sowie Quellenangaben. Vier weitere betreffen den Inhalt: Genauigkeit, professionelle Aufbereitung und Relevanz für die Zielgruppe. Ein einzelner Indikator betrifft das Design, nämlich ob die Technik auf allen Geräten funktioniert.

Bemerkenswert: Peer Review erreichte keinen Konsens als Qualitätskriterium (Lin et al., 2015). Ein deutlicher Unterschied zur klassischen wissenschaftlichen Publikation.

Ein Scoping Review aus dem Jahr 2025 bestätigt das Bild. Qualitätskontrolle bleibt die meistgenannte Barriere, und zwar in 53 % der untersuchten Studien (Ahmed et al., 2025).

Was wir (noch) nicht wissen

Trotz wachsender Forschung bleiben erstaunlich viele Fragen offen.

Über langfristige Lerneffekte wissen wir wenig. Die meisten Studien messen kurzfristiges Wissen. Ob FOAM-Nutzer*innen langfristig besser arbeiten, ist unklar. Einige Hinweise deuten sogar auf schwächere Langzeit-Retention im Vergleich zu klassischen Formaten hin (Guckian et al., 2021).

Noch auffälliger ist die Lücke bei den Patientenoutcomes. Keine einzige Studie hat bisher untersucht, ob FOAM-basiertes Lernen tatsächlich zu besserer Patientenversorgung führt (Morgan, 2025).

Hinzu kommt eine stark angloamerikanische Schlagseite. Die meisten Ressourcen sind englischsprachig, und wie nicht-englischsprachige Länder wie wir FOAM nutzen und adaptieren, ist (bisher) kaum erforscht (Ahmed et al., 2025). Auch die Frage der finanziellen Nachhaltigkeit bleibt unbeantwortet. Wie können hochwertige Angebote langfristig finanziert werden, ohne Paywalls einzuführen, was dem FOAM-Ethos widersprechen würde (Ahmed et al., 2025)?

Die methodische Qualität vieler Studien lässt zudem Luft nach oben. Ein systematisches Review ermittelte einen durchschnittlichen MERSQI-Score von 9,1 von 18 Punkten (Guckian et al., 2021).

Die Zukunft: Zwischen Professionalisierung und Open Access

Die FOAM-Bewegung steht vor einer Richtungsentscheidung. Drei Entwicklungen zeichnen sich ab.

Die Landschaft konsolidiert sich. Weniger, aber professionellere Plattformen bestimmen das Bild. Bereits heute haben 55 % der aktiven Seiten Teams von mindestens fünf Personen (Lin et al., 2022). Die Ein-Personen-Blogs werden seltener.

Gleichzeitig wächst die institutionelle Integration. Fachgesellschaften betreiben eigene Twitter-Journal-Clubs, Zeitschriften stellen Social-Media-Redakteur*innen ein (Chan et al., 2019). FOAM wird Teil des Establishments.

Und es tut sich etwas bei der akademischen Anerkennung. Erste Universitäten beginnen, digitale Scholarship in Berufungsverfahren zu berücksichtigen, auch wenn bisher nur wenige US-amerikanische Medizinschulen dies explizit in ihren Richtlinien verankern (Chan et al., 2020).

Fazit

  • FOAM ist gekommen, um zu bleiben, aber nicht in seiner ursprünglichen Wildwuchs-Form. Professionalisierung und Qualitätssicherung sind unumgänglich.

  • Wer FOAM nutzt, sollte kritisch einordnen. Achtet auf Interessenkonflikte, Quellenangaben und Autorentransparenz. Validierte Qualitätskriterien helfen dabei.

  • Primärliteratur bleibt zentral. 80 % der FOAM-Nutzer*innen berichten, dass die Ressourcen ihre Nutzung von Originalliteratur steigern (Chan et al., 2019). Ein Effekt, den Lehrende und Lernende bewusst nutzen können.

  • Gut aufbereitete Inhalte fördern das Lernen. Unterhaltung ist kein Makel, aber Entertainment allein eben auch kein Qualitätsmerkmal.

  • Und schließlich: Sollten auch Institutionen einsteigen? Nicht um FOAM zu ersetzen, sondern um es nachhaltig zu machen. Curriculum-Integration, Qualitätstools und akademische Anerkennung sind dabei die Schlüssel.

Die demokratische Vision von kostenlosem, zugänglichem medizinischem Wissen mittels FOAM bleibt inspirierend. Am Ende entscheidet die Qualität darüber, ob mehr als nur Schaumschlägerei übrig bleibt.

Transparenzhinweis - Interessenkonflikte: Keine angegeben. - Finanzierung: Keine Angabe. - KI-Nutzung: Claude Sonnet 4.5 (Anthropic) wurde ausschließlich zur sprachlichen Überarbeitung und zur Verbesserung der Verständlichkeit verwendet. - Eigene Beteiligung: Der Autor ist in der medizinischen Ausbildungsforschung tätig und publiziert in PubMed-gelisteten Zeitschriften. Neuerdings versucht er sich auch an einem wissenschaftlichen Blog.

Referenzen

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Zitat

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Bitte zitieren Sie diese Arbeit als:
Friederichs, H. (2026). Mehr als Schaumschlägerei? FOAM in der ärztlichen Weiterbildung. https://doi.org/10.59350/4wxk0-5b177

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Lernen ohne Hörsaal: Wie wissenschaftliche Blogs die medizinische Ausbildung verändern Kostenlose Online-Ressourcen verändern die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten. Doch die Bewegung steht an einem Scheideweg, irgendwo zwischen Innovation und Schaumschlägerei. Ein Podcast im OP-Vorraum Es ist 6:30 Uhr morgens. Eine junge Ärztin in der Notaufnahme wartet auf die Übergabe und scrollt durch ihr Smartphone.

Identifiers

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URL
https://medical-education.pages.ub.uni-bielefeld.de/research/mes-blog/posts/2026-02-19-foam-medical-education/

Dates

Issued
2026-02-19T00:00:00
Updated
2026-02-19T00:00:00

References

  1. Ahmed, A. A. E., Biswas, A., Bempong-Ahun, N., Perić, I., & O'Flynn, E. P. (2025). Barriers and Enablers to the Production of Open Access Medical Education Platforms: Scoping Review. JMIR Medical Education, 11, e65306. https://doi.org/10.2196/65306
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  3. Chan, T. M., Stehman, C., Gottlieb, M., & Thoma, B. (2020). A Short History of Free Open Access Medical Education. The Past, Present, and Future. ATS Scholar, 1(2), 87–100. https://doi.org/10.34197/ats-scholar.2020-0014ps
  4. Guckian, J., Utukuri, M., Asif, A., Burton, O., Adeyoju, J., Oumeziane, A., Chu, T., & Rees, E. L. (2021). Social media in undergraduate medical education: A systematic review. Medical Education, 55(11), 1227–1241. https://doi.org/10.1111/medu.14567
  5. Lin, M., Phipps, M., Yilmaz, Y., Nash, C. J., Gisondi, M. A., & Chan, T. M. (2022). A Fork in the Road for Emergency Medicine and Critical Care Blogs and Podcasts: Cross-sectional Study. JMIR Medical Education, 8(4), e39946. https://doi.org/10.2196/39946
  6. Lin, M., Thoma, B., Trueger, N. S., Ankel, F., Sherbino, J., & Chan, T. (2015). Quality indicators for blogs and podcasts used in medical education: modified Delphi consensus recommendations by an international cohort of health professions educators. Postgraduate Medical Journal, 91(1080), 546–550. https://doi.org/10.1136/postgradmedj-2014-133230
  7. Morgan, J. (2025). Free Open Access Medical Education (FOAMed) use in medical students: a literature review. BMC Medical Education, 25(1). https://doi.org/10.1186/s12909-024-06392-0
  8. Purdy, E., Thoma, B., Bednarczyk, J., Migneault, D., & Sherbino, J. (2015). The use of free online educational resources by Canadian emergency medicine residents and program directors. CJEM, 17(2), 101–106. https://doi.org/10.1017/cem.2014.73