Wissenschaftskommunikation outsourcen: kommerzielle Anbieter, Fallstricke und bessere Alternativen
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Wer heutzutage wissenschaftlich publiziert, kennt sicherlich solche E-Mails, die zuhauf in Postfächern von Forschenden landen. Anders als beim Predatory Publishing, wo Autor:innen mit schnellen aber qualitativ fragwürdigen Angeboten für die Publikation von Artikeln angesprochen werden (mehr dazu hier), beziehen sich obige E-Mails auf Angebote im Bereich der Wissenschaftskommunikation, die sich an ein breiteres Publikum richten.
Anbieter wie "SciPod", "SciTube", "Research Outreach" und ähnliche bieten an, Forschungsergebnisse in populäre Formate wie Podcasts, Videos oder Infografiken zu übertragen.
Doch sind diese Dienste seriös? Und wer soll sie bezahlen?
Dieser Beitrag ordnet die kommerziellen Dienstleister:innen ein, diskutiert Alternativen und erklärt, warum Publikationsfonds hier meist nicht die Finanzierung übernehmen.
Warum Wissenschaftskommunikation oft delegiert wird
Die Erwartung, dass Forschung in die Gesellschaft wirkt, wächst stetig. In politischen Debatten wird betont, das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft zu stärken. Daher gelten wissenschaftskommunikative Tätigkeiten als wichtiger Aspekt des Wissenschaftstransfers, um die Lücke zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft zu schließen.
Fördergeber:innen legen zunehmend Wert auf Transfer-Aktivitäten und die Dissemination von Forschungsergebnissen zu relevanten Zielgruppen. Personen- und institutionenbezogene Evaluationskriterien berücksichtigen immer häufiger auch öffentliche Sichtbarkeit und Transfer.
Um Wissenschaft für Nicht-Expert:innen zugänglich zu machen, braucht es vielfältige Publikationsformen (Elliot 2022). Dem stehen jedoch die Rahmenbedingungen der meisten Forschenden gegenüber: Ihnen fehlen oft Kompetenzen, Zeit oder Ressourcen. Hinzu kommt der sogenannte "Sagan-Effekt", der von einer aktiven Beteiligung abhalten kann.
SciPod & Co.: nicht '"predatory", aber mit Vorsicht zu behandeln
Der Bedarf an Wissenstransfer hat einen Markt für Dienstleister:innen geschaffen, die Forschungsergebnisse aufbereiten und vermarkten. Typische Angebote sind Kurzvideos, Podcasts, Animationen oder Artikel, die für das Publikum meist frei lizenziert und kostenfrei zugänglich sind. Für die Auftraggebenden liegen die Preise für ein Produkt zwischen 1.000 und 4.000 Pfund; oft werden zusätzliche Reichweitenversprechen für Social Media oder Newsletter gemacht bzw. können sie über entsprechende Pakete dazu gebucht werden.
Ihre Kund:innen erreichen die Unternehmen unter anderem über ausgiebige Kaltakquise mit den anfangs dargestellten E-Mails. Vor dem Hintergrund der Sensibilisierung vieler Forschender zum Thema "Predatory Journals" ruft dies verständlicherweise erst einmal Skepsis hervor. Unserer Einschätzung nach ist zwar keiner der uns bekannten Dienstleister eindeutig als "predatory" einzustufen, manche Geschäftspraktiken können dennoch unseriös scheinen. Die Diskussionen diesbezüglich unter Forschenden sind kontrovers. Wer trotzdem entsprechende Angebote nutzen will, sollte dies wohlüberlegt tun.
Was Studien und Communities sagen
Auf Plattformen wie ResearchGate oder Reddit wird das Thema diskutiert. Ein Diskussionsteilnehmer berichtet beispielsweise davon, dass die Kommunikation mit dem Editor so langwierig gewesen sei, dass er es am Ende lieber selber gemacht hätte. Andere werden stutzig, weil Informationen über die Höhe der Kosten erst spät im Kommunikationsprozess mit den Anbieter:innen transparent gemacht wurden oder Angaben über Lizenzen inkonsistent sind. Neben aggressivem Marketing werden den Anbieter:innen zum Teil undurchsichtige Gebührenregelungen, übertriebene Reichweitenversprechen oder Qualitätsprobleme attestiert. Demgegenüber stehen aber auch zahlreiche Stimmen, die von positiven Erfahrungen und äußerst zufriedenstellenden Ergebnissen berichten.
Eine Studie von Hamid R. Jamali (2025) befragte 104 Forschende, die Dienste wie researchoutreach.org oder researchfutures.com nutzten. Zwar war die (allgemeine) Zufriedenheit mit der Darstellung der Ergebnisse hoch, doch gaben 67 Prozent an, dass die Publikation keine nennenswerten Auswirkungen hatte. Jamali empfiehlt daher, vorab klare Ziele und Zielgruppen für die Veröffentlichung zu definieren.
Soll ich das Angebot annehmen? Wenn ja, wie?
Wie bei allen Publikationsangeboten empfehlen wir eine sorgfältige Prüfung solcher Angebote hinsichtlich Finanzierung, Lizenzierung, Reichweitenversprechen und Kosten-Nutzen-Abwägung.
- Finanzierung: Open-Access-Fonds an Universitäten übernehmen diese Kosten in der Regel nicht, da es sich nicht um peer-reviewte Erstveröffentlichungen handelt. Klären Sie die Finanzierung daher frühzeitig auf andere Weise, um nicht aus eigener Tasche zahlen zu müssen.
- Lizenzierung: Für eine rechtssichere Verbreitung und Nachnutzung ist eine offene Lizenz (ideal: CC BY) essenziell. Bei Fragen zur Auswahl beraten wir gerne (publikationsberatung@tib.eu).
- Reichweite & Zielgruppe: Die Wahl des Mediums sollte zielgruppenorientiert erfolgen. Die Chancen auf echten Impact steigen, wenn auf bereits etablierte Formate in der eigenen Zielgruppe zurückgegriffen wird, die oft dankbar für Input sind und selten Kosten berechnen. Es lohnt sich eine Recherche: Welche populärwissenschaftlichen Podcasts, Blogs oder Magazine passen zu meinem Thema?
Nutzung interner und externer Alternativen
Als erste Anlaufstelle sollten Sie die Presse- oder Öffentlichkeitsarbeit Ihrer Einrichtung kontaktieren. Oft bieten Hochschulen, Bibliotheken oder Fachgesellschaften eigene Formate an. Ein Beispiel ist die Podcast-Liste des Fachportals für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung: FID intRecht. Das BorgNetzwerks versucht mit dem WissKom Wiki aktuell eine Wikibase-basierte Online-Bibliothek für wissenschaftliche Podcasts und Videos aufzubauen. Die TIB bietet mit dem AV-Portal und dem ConRec Service Möglichkeiten Forschungsergebnisse visuell aufzubereiten bzw. online zur Verfügung zu stellen.
Wo solche Angebote fehlen, lohnt es sich, deren Entwicklung aktiv anzuregen. Die Finanzierungslücke versuchen derzeit nur wenige Initiativen zu füllen, wie etwa der HRA-Förderfonds der Hamburg Research Academy.

Fazit: Vorzug nicht-kommerzielle Alternativen
Kommerzielle Anbieter sind zwar divers, verfolgen aber primär Gewinnziele, die nicht immer mit den Werten der Wissenschaftsgemeinschaft (Transparenz, Offenheit) übereinstimmen. Insgesamt raten wir dazu, den Fokus auf nicht-kommerzielle Alternativen der Wissenschaftskommunikation zu legen, dies kann die Arbeit in und mit Wikipedia, öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder community-getragenen Podcasts und Blogs bedeuten. In allen Fällen sind nicht nur die Publikationen selbst frei zugänglich, sondern auch kostenfrei für Autor:innen, mit zum Teil besseren Reichweiten als bei kommerziellen Anbietern.
Hinweis zu redaktioneller Ergänzung: Am 8. Juni 2026 wurde im Blogbeitrag die Verlinkung auf die englische Sprachversion des Blogbeitrags hinzugefügt.
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Identifiers
- GUID
- https://blog.tib.eu/?p=32423
- URL
- https://blog.tib.eu/2026/06/01/wissenschaftskommunikation-outsourcen-kommerzielle-anbieter-fallstricke-und-bessere-alternativen/
Dates
- Issued
-
2026-06-01T09:09:48
- Updated
-
2026-06-08T09:25:46