Published May 20, 2026 | https://doi.org/10.59350/gnsnh-61109

Das World Wide Web – Erfolgsbeispiel für Open Software

Creators & Contributors

Die Software, die das frühe Web zum Laufen brachte, entstand an einem Forschungsinstitut in der Schweiz. Statt sie zu kommerzialisieren, machte man sie frei verfügbar und schließlich sogar zu Public Domain. Ein Glück, denn wer weiß, wie die Geschichte des Web sonst verlaufen wäre?

Am Anfang ging es um Informationsmanagement

Als Ende der 1980er Jahre der Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee für seine Vorgesetzten am CERN (der Europäischen Organisation für Kernforschung) einige Vorschläge für das Informationsmanagement formulierte, hätte niemand erwartet, was daraus entstehen würde.

Seine Kernidee: Eine Alternative zu hierarchischen Informationssystemen durch eine netzartige Struktur aus miteinander verlinkten Notizen. Dieses Konzept wurde zur Blaupause für das World Wide Web.

Offenheit des World Wide Web als Ziel von Anfang an

Am 12. November 1990 publizierten Tim Berners-Lee und sein Kollege Robert Cailliau dann gemeinsam ein Memorandum unter der Überschrift: "WorldWideWeb: Proposal for a HyperText Project". Dieses Memorandum war ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Entstehung des World Wide Web.

Der Gedanke der freien Zugänglichkeit des "WorldWideWeb" war bereits zum diesem Zeitpunkt enthalten. Denn ein in dem Memorandum definiertes Ziel des Projekts lautete, "soweit möglich Public-Domain-Software zu verwenden oder Schnittstellen zu bereits vorhandenen proprietären Systemen zu schaffen."

Bis zur Public Domain-Software sollte es aber eine Weile dauern, denn noch war das Web kaum mehr als eine sehr spannende Idee. Die für das Web benötigte Software wurde in der Folge von einem kleinen Team am CERN entwickelt.

Dabei handelte es sich um die Webkernsoftware, die in einzelnen Programmkomponenten zu einer Softwarebibliothek zusammengestellt wurde. Mit diesen Softwarebausteinen sollte es externen Programmierern ermöglicht werden, eigene Projekte für das Web zu entwickeln, seien es Browser, Server oder andere Anwendungen.

Der Weg zur freien Zugänglichkeit des World Wide Web

Die Frage, die sich nun stellte, war die nach der Zugänglichmachung dieser am CERN entwickelten Software. Sollte sie gegen Gebühr an interessierte Web-Pioniere verkauft werden, oder sollte sie kostenlos bereitgestellt werden?

Es kostete Tim Berners-Lee einige Überzeugungsarbeit gegenüber seinen Vorgesetzten am CERN, um diese von der freien Zugänglichmachung der entwickelten Software zu überzeugen. So beschrieb es später sein Kollege Robert Cailliau in dessen Buch "Die Wiege des Web": Berners-Lee habe mit der "stolzen akademischen Tradition" argumentiert, der das World Wide Web folge, da es den "kostenlosen Austausch von Informationen fördere". Daher solle, so sein Plädoyer, die für das Web notwendige Software ebenfalls kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Seitens der CERN-Leitung wiederum kursierte eine Kalkulation, die als Preis für die Software angesetzt werden sollte. Sie belief sich auf eine Preisspanne zwischen 100 und 200 Schweizer Franken pro Softwarepaket.

Allerdings ernüchterte ein Blick in das damalige sehr frühe Web das Management hinsichtlich der Preisvorstellung. Die geringe Zahl der damaligen Webnutzer ließ es dem CERN als schlichtweg nicht kostendeckend erscheinen, Gebühren für die Software zu erheben. Der Verwaltungsaufwand wurde schlicht als zu hoch erachtet.

"Collaborators welcome!"

So kam es, dass Tim Berners-Lee die Erlaubnis des CERN erhielt, die dort entwickelte Web-Software zur kostenlosen Nutzung ins Internet zu stellen. Am 6. August 1991 gab er über die Newsgroup alt.hypertext bekannt, dass die Software zum Download auf der CERN-Website bereitstünde. Er verband dies mit dem Aufruf "Collaborators welcome!"

Die Website des CERN unter der Webadresse Info.cern.ch wurde ab diesem Zeitpunkt zu einer wichtigen Anlaufstelle im frühen Web. Dort konnte von einem ftp-Server die Software heruntergeladen werden, die das Web nun allmählich wachsen ließ. Zu dieser Software gehörte eine Bibliothek von Programmcode (bekannt als CERNLIB), die Software für den Betrieb eines Servers, sowie für den Client. Kurze Zeit später ging dann auch schon der erste Webserver außerhalb Europas online. Er befand sich im US-amerikanischen Stanford, und der Rest ist Geschichte.

Client und Server
Das World Wide Web funktioniert, obwohl es von weit verstreuten, sehr unterschiedlichen Computern mit unterschiedlichen Softwareanwendungen und unterschiedlichen Dateiformaten genutzt wird. Das gelingt dank des sogenannten Client-Server-Modells. Der Client, beispielsweise ein Webbrowser oder ein Mailprogramm, ist der Anfragesteller. Er sendet eine Anfrage an einen Server. Dieser Server stellt die vom Client angefragten Daten in Hypertext-, Klartextform oder einem anderen Datenformat bereit.

Public Domain als Startschuss für den Siegeszug des World Wide Web

Als das World Wide Web 1993 Fahrt aufgenommen hatte, gelang es Tim Berners-Lee und Robert Cailiau schließlich, ihre Vorgesetzten am CERN zu überzeugen, die Software für das Web als Public Domain der Öffentlichkeit bereitzustellen. Mit einer Erklärung vom 30. April 1993 verzichtete das CERN auf seine sämtlichen geistigen Eigentumsrechte an dem Web-Code, sowohl am Quellcode als auch an den Binärdateien. Es erteilte jedem die Erlaubnis, den Code zu nutzen, zu vervielfältigen, zu verändern und zu verbreiten.

In den "World-Wide Web News", einem monatlichen Newsletter des CERN, wurde in der Mai-Ausgabe 1993 berichtet (eigene Übersetzung):

"CERN-W3-Software wird gemeinfrei

Nach langen Diskussionen hat das CERN nun einen bestimmten Teil der W3-Software als gemeinfreien Code veröffentlicht. Dies geschah, um die Verbreitung des Webs voranzutreiben und sicherzustellen, dass die Protokolle einheitlich verwendet werden. Es bestand die Gefahr, dass Entwickler den Protokollcode neu erfinden und dabei erneut inkompatible Fehler machen würden. Da die Code-Bibliothek "libwww", die die Grundlage vieler Browser bildet, nun gemeinfrei ist, kann sie als gemeinsame Basis dienen. […]"

Fast wäre es GNU geworden

Ursprünglich hatte Tim Berners-Lee übrigens erwogen, die Web-Software nicht als Public Domain, sondern unter einer GNU-Lizenz zu veröffentlichen. Die Kontakte zwischen dem CERN und der Free Software Foundation (FSF) mit ihrem GNU-Projekt waren gut.

Jedoch war man am CERN besorgt, große IT-Unternehmen könnten das Web möglicherweise ignorieren, sollte dort das Risiko irgendwelcher Lizenzprobleme bestehen. So entschied man sich für die offene Bereitstellung als Public Domain. Den Programmierern rund um den Erdball gab das die maximale Freiheit, die Software des CERN für ihre Projekte zu nutzen.

Open Software als Schlüssel zu Kreativität und Zusammenarbeit

Rückblickend äußerte Tim Berners-Lee im Jahr 2025 im The Guardian, dass seine Vision für das Web auf "auf Teilen, nicht auf Ausbeutung" beruht habe. Sein Ziel sei es gewesen, mit dem Web einen Raum für Kreativität und Zusammenarbeit zu schaffen.

Dafür sei es nötig, dass alle Interessierten einen niedrigschwelligen Zugang zum Web erhalten und bereit seien, sich dort mit ihren Ideen und ihrem Können einzubringen. Dies habe er als zentrale Herausforderung gesehen. Man hätte daher unmöglich verlangen können, interessierte Nutzer "für jede Suche oder jeden Upload bezahlen" zu lassen.

Freie Software als Schlüssel zu einer kollaborativen und kreativen Websphäre klingt vertraut. Wer in der heutigen Zeit nach Visionen für das Web künftiger Tage fragt, darf sich gerne solche Anregungen aus der Gründungsphase des Web entleihen.

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Die Software, die das frühe Web zum Laufen brachte, entstand an einem Forschungsinstitut in der Schweiz. Statt sie zu kommerzialisieren, machte man sie frei verfügbar und schließlich sogar zu Public Domain. Ein Glück, denn wer weiß, wie die Geschichte des Web sonst verlaufen wäre?

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Issued
2026-05-20T16:58:49
Updated
2026-06-05T11:13:47