Published May 14, 2026 | https://doi.org/10.59350/524qw-f5c84

Self-Explanation als Lernstrategie

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Ich erklär' mir die Welt

"Ich erklär' mir die Welt, widde-widde, wie sie mir gefällt …" So habe ich Pippi Langstrumpf jahrelang im Ohr gehabt. Bei der Recherche zu diesem Blogbeitrag habe ich gemerkt, dass es tatsächlich bei Astrid Lindgren "Ich mach mir die Welt …" heißt. Vielleicht ein berufsspezifischer Erinnerungsfehler also, der ganz gut zum Thema dieses Beitrags passt.

Was Self-Explanation eigentlich ist

Self-Explanation bedeutet, sich beim Lernen selbst zu erklären, warum ein bestimmter Sachverhalt gilt, wie ein Lösungsschritt zustande kommt oder weshalb eine Diagnose passt (Bisra et al., 2018). Das ist keine Zusammenfassung und kein einfaches Wiederholen. Es geht darum, aktiv neue Verbindungen herzustellen zwischen dem, was man schon weiß, und dem, was neu hinzukommt.

Chi und Kolleg*innen beobachteten in ihrer Pionierstudie 1989, dass erfolgreiche Physik-Studierende beim Durcharbeiten von Beispielaufgaben spontan Erklärungen generierten, Wissenslücken identifizierten und ihr Verständnis laufend überprüften (Chi et al., 1989). Weniger erfolgreiche Lernende taten das kaum. In einer Folgestudie mit Achtklässler*innen zeigte sich, dass man dieses Verhalten auch gezielt auslösen kann, indem man Lernende auffordert, nach jedem gelesenen Absatz eine Erklärung zu formulieren (Chi et al., 1994).

Theoretisch tut Self-Explanation zwei einfache Dinge. Erstens verknüpft sie neues Wissen aktiv mit dem, was man bereits weiß. Zweitens deckt sie eigene Fehlannahmen auf, weil sie sich beim Erklären mit dem neuen Stoff reiben. Chi und Wylie haben Self-Explanation 2014 in einer einflussreichen Lerntypologie eingeordnet, dem ICAP-Framework, das vier Arten des Lernens unterscheidet: vom rein passiven Aufnehmen über das aktive Mitmachen und das konstruktive Hinzufügen bis zum interaktiven Austausch mit anderen. Self-Explanation gehört zur dritten Stufe, dem konstruktiven Lernen, weil Lernende dabei selbst etwas Neues hinzufügen, statt nur den vorgegebenen Stoff wiederzugeben (Chi & Wylie, 2014).

Was sagen die Meta-Analysen?

Die Befundlage ist bemerkenswert konsistent. Bisra und Kolleg*innen fassten 64 Studien zusammen und fanden einen mittleren bis großen Effekt zugunsten von Self-Explanation (Bisra et al., 2018). Fiorella und Mayer bestätigten das in einer Übersicht über mehr als 50 experimentelle Vergleiche (Fiorella & Mayer, 2016).

Die aktuellste Meta-Analyse von Tan und Kolleg*innen 2025 untersuchte speziell digitale Lernumgebungen und fand einen vergleichbaren, leicht geringeren Effekt (Tan et al., 2025). Aufschlussreich ist die Differenzierung. Bei reinem Faktenwissen fiel der Vorteil kleiner aus, bei Verstehen und Anwenden deutlich größer. Self-Explanation hilft also vor allem dort, wo es um mehr geht als ums bloße Erinnern.

Dunlosky und Kolleg*innen vergaben in ihrem einflussreichen Review zehn Lernstrategien eine Nützlichkeitsbewertung. Self-Explanation erhielt das Prädikat "moderater Nutzen", eine Stufe unter Retrieval Practice und verteiltem Üben, aber deutlich über Markieren, Zusammenfassen oder erneutem Lesen (Dunlosky et al., 2013).

  • Bisra et al. 2018: Meta-Analyse über 64 Studien mit knapp 6.000 Lernenden, gewichtete Effektstärke g = 0,55. Über 70 Prozent der Lernenden mit Self-Explanation schnitten besser ab als der Durchschnitt der Kontrollgruppe (Bisra et al., 2018).
  • Fiorella & Mayer 2016: Median d = 0,61 über 54 experimentelle Vergleiche (Fiorella & Mayer, 2016).
  • Tan et al. 2025: Gesamteffekt g = 0,46 in digitalen Lernumgebungen, bei reinem Faktenwissen g = 0,31, bei Transfer und gemischten Outcomes deutlich größer (Tan et al., 2025).
  • Larsen et al. 2013 (siehe Abschnitt zu den Grenzen): Wiederholtes Testen erzielte über sechs Monate η² = 0,33, wiederholtes Studieren mit Selbsterklärung η² = 0,08 (Larsen et al., 2013).

Self-Explanation in der Medizin

Für die medizinische Ausbildung hat eine Forschergruppe um Martine Chamberland, Sílvia Mamede und Henk Schmidt die Strategie besonders systematisch untersucht. In einem RCT mit Medizinstudierenden im dritten Studienjahr zeigte sich, dass Self-Explanation die diagnostische Treffsicherheit bei unbekannten Fällen verbesserte, bei vertrauten Fällen dagegen nicht (Chamberland et al., 2011). Das ist ein wichtiger Befund, denn er legt nahe, dass Self-Explanation genau dort hilft, wo klinisches Denken am meisten gefordert wird.

Eine Folgestudie ergab, dass Studierende beim Erklären unbekannter Fälle vermehrt pathophysiologisches Wissen aktivierten (Chamberland et al., 2013). Sie griffen auf biomedizinisches Grundlagenwissen zurück, das sie bei routinehaften Fällen eher nicht mobilisierten. Chamberland und Kolleg*innen zeigten außerdem, dass die Kombination aus Self-Explanation mit Experten-Beispielen und strukturierten Leitfragen die beste Wirkung entfaltete (Lievens, 2015).

Allerdings gibt es auch ernüchternde Befunde. Einfaches diagnostisches Feedback nach der Selbsterklärung brachte kaum zusätzlichen Nutzen (Chamberland et al., 2019). Und Heitzmann und Kolleg*innen fanden, dass strukturierte Aufforderungen zum Selbsterklären bei der Arbeit mit fehlerhaften Fallbeispielen keinen Mehrwert brachten, vermutlich weil die Fehler selbst bereits zur Reflexion anregten (Heitzmann et al., 2015).

Wo liegen die Grenzen?

Ein zentraler Befund betrifft die Qualität der Erklärungen. Nicht jede Selbsterklärung ist gleich wirksam. Oberflächliche Paraphrasen bringen wenig, prinzipienbasierte Erklärungen bringen viel (Renkl, 1997). Wer "Das ist halt so" sagt, hat nichts erklärt. Wer fragt "Warum führt diese Veränderung zu jenem Symptom?", schon.

Im Vergleich mit Retrieval Practice, also dem Abruf von Wissen durch Testfragen, schneidet Self-Explanation bei der Langzeitretention schlechter ab. Larsen und Kolleg*innen fanden in einer direkten Vergleichsstudie mit Medizinstudierenden über sechs Monate, dass wiederholtes Testen einen deutlich größeren Effekt erzielte als wiederholtes Studieren mit Selbsterklärung (Larsen et al., 2013). Self-Explanation allein war also dem reinen Studieren zwar überlegen, dem wiederholten Testen aber unterlegen.

Eine weitere Grenze hat mit dem Vorwissen der Lernenden zu tun. Wer noch wenig Erfahrung hat, profitiert von ausführlichen Anleitungen, die Schritt für Schritt zum Selbsterklären anleiten. Bei Fortgeschrittenen können dieselben Anleitungen aber bremsen, weil sie überflüssig werden und kognitive Kapazität binden, die besser ins eigentliche Verstehen flösse. Klein und Kolleg*innen zeigten genau das in einer Studie mit Medizinstudierenden aus klinischen Semestern. Explizite Aufforderungen zum Selbsterklären erhöhten die mentale Beanspruchung, ohne die Lernergebnisse zu verbessern (Klein et al., 2019).

Was wir (noch) nicht wissen

  • Die meisten Studien sind Laborstudien. Große Wirksamkeitsstudien in realen Curricula fehlen weitgehend.
  • Die Langzeiteffekte über Wochen und Monate sind ebenfalls kaum untersucht.

Fazit

  • Self-Explanation wirkt. Mit einer Effektstärke um g = 0,5 gehört sie zu den gut belegten Lernstrategien und hilft besonders beim Verstehen und Transferieren.
  • In der Medizin verbessert sie das klinische Denken. Self-Explanation steigert die diagnostische Genauigkeit bei unbekannten Fällen und aktiviert biomedizinisches Grundlagenwissen.
  • Die Qualität der Erklärungen entscheidet. Oberflächliche Paraphrasen bringen wenig, prinzipienbasierte Erklärungen viel. Gerade Anfänger*innen profitieren von klaren Anleitungen, die zum strukturierten Selbsterklären führen.
  • Für die Langzeitretention nicht allein einsetzen. Self-Explanation sollte mit Retrieval Practice kombiniert werden.
  • Wer sich die Welt selbst erklärt, lernt sie besser kennen. Pippi Langstrumpf hatte also recht, auch wenn sie es im Original etwas anders gesungen hat.

Transparenzhinweis:

  • Interessenkonflikte: Keine angegeben.
  • Finanzierung: Keine Angabe.
  • KI-Nutzung: Claude Opus 4.6 (Anthropic) wurde zur Verbesserung der strukturellen Konzeption und zur sprachlichen Bearbeitung des Beitrags verwendet.
  • Eigene Beteiligung: Der Autor ist in der medizinischen Ausbildungsforschung tätig und publiziert in PubMed-gelisteten Zeitschriften. Neuerdings versucht er sich auch an einem wissenschaftlichen Blog.

Referenzen

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Friederichs, H. (2026). Self-Explanation als Lernstrategie. https://doi.org/10.59350/dxc8z-z7z67

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Ich erklär' mir die Welt "Ich erklär' mir die Welt, widde-widde, wie sie mir gefällt …" So habe ich Pippi Langstrumpf jahrelang im Ohr gehabt. Bei der Recherche zu diesem Blogbeitrag habe ich gemerkt, dass es tatsächlich bei Astrid Lindgren "Ich mach mir die Welt …" heißt.

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Dates

Issued
2026-05-14T00:00:00
Updated
2026-05-14T00:00:00

References

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