Published March 12, 2026 | https://doi.org/10.59350/6156t-yhd36

Welcher Lernstil-Typ bist Du?

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Lernstiltypen: Der Mythos, der nicht sterben will

Fast 90 % aller Lehrenden weltweit sind überzeugt, dass Unterricht besser wirkt, wenn er zum Lernstil der Studierenden passt. Die Forschung sagt etwas anderes.

"Ich bin ein visueller Typ" – wirklich?

Habt Ihr das auch schon gehört, vielleicht sogar von Euch selbst gesagt? "Ich bin ein visueller Lerntyp, ich muss das sehen." Oder: "Ich lerne am besten, wenn ich es anfassen kann." Die Idee klingt auf Anhieb einleuchtend – Jeder Mensch hat einen bevorzugten Sinneskanal, und wenn die Lehre genau dazu passt, lernt man besser. Weltweit glauben 89 % der Lehrenden an genau dieses Prinzip (Newton & Salvi, 2020).
Nur: Die wissenschaftliche Evidenz erzählt eine ganz andere Geschichte.

Was Lernstiltypen versprechen

Die Grundidee ist schnell erklärt. Lernende werden anhand eines Fragebogens in Typen eingeteilt, etwa visuell, auditiv oder kinästhetisch (das bekannte VARK-Modell von Fleming & Mills (1992), aktueller auch Husmann & O'Loughlin (2019)), und der Unterricht wird dann auf den jeweiligen Typ zugeschnitten. Dieses Prinzip wird in der Forschung als Meshing-Hypothese bezeichnet (Pashler et al., 2008).
Das Versprechen: Passt die Lehrmethode zum Lernstil, steigen Motivation und Lernerfolg.

Es gibt allerdings ein grundsätzliches Problem: Über 70 verschiedene Lernstilmodelle konkurrieren am Markt, und ihre Qualität ist überwiegend schlecht. Von 13 systematisch geprüften Fragebögen zu Lernstiltypen erfüllte genau einer alle wissenschaftlichen Mindestanforderungen Coffield et al. (2004). Ausgerechnet dieser ist für Lernende nicht geeignet.

Was die Forschung tatsächlich zeigt

Kurz gesagt: Zahlreiche Studien haben geprüft, ob Unterricht besser wirkt, wenn er zum Lernstil passt. Das Ergebnis ist eindeutig: Nein – oder bestenfalls: kaum messbar.

Wenn die Lernstil-Idee stimmt, dann müsste Folgendes passieren: Wer sich als "visueller Typ" einschätzt, lernt mit Bildern besser als mit Texten. Und wer sich als "auditiver Typ" sieht, lernt besser durchs Zuhören als durchs Schauen. In der Forschung heißt das Crossover-Interaktion (Pashler et al., 2008) – und genau die müsste man in Studien finden.

Genau das hat die Forschung gesucht – und nicht gefunden. Eine Zusammenfassung von zehn sorgfältig ausgewählten Studien fand praktisch keinen Unterschied, egal ob der Unterricht zum Lernstil "passte" oder nicht (Aslaksen & Lorås, 2018). Eine größere Auswertung mit 21 Studien und über 1.700 Teilnehmenden kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Selbst dort, wo sich ein kleiner Vorteil zeigte, funktionierte die Zuordnung nur in gut einem Viertel der Fälle so, wie es die Theorie vorhersagt (Clinton-Lisell & Litzinger, 2024). Die Autorinnen fassten es so zusammen: Der Effekt ist zu klein und zu unzuverlässig, um darauf Unterricht aufzubauen.

Auch Einzelstudien passen ins Bild. 426 Studierende in der Anatomie wurden nach ihrem Lernstil befragt. Zum einen hielten sich die meisten im Alltag gar nicht an ihre angebliche Präferenz. Und ob jemand als "visuell" oder "auditiv" eingestuft wurde, hatte keinen Zusammenhang mit der Abschlussnote (Husmann & O'Loughlin, 2019). Ähnlich bei einer Studie an Fünftklässlern. Es konnte kein Vorteil durch passenden Unterricht erzielt werden, und 68 % der Kinder ließen sich ohnehin keinem klaren Typ zuordnen (Rogowsky et al., 2020).

Warum der Mythos trotzdem lebt

Trotz dieser Evidenzlage bleibt die Überzeugung bemerkenswert hartnäckig. Ein systematisches Review mit über 15.000 Lehrkräften aus 18 Ländern zeigt: 89,1 % glauben an Lernstile, und dieser Anteil ist zwischen 2009 und 2020 nicht gesunken. Bei Lehramtsstudierenden liegt die Zustimmung sogar bei 95,4 % (Newton & Salvi, 2020).

Mehr Wissen über das Gehirn schützt übrigens nicht vor dem Mythos. Es schadet sogar: Lehrkräfte mit höherem neurowissenschaftlichem Allgemeinwissen waren anfälliger für Neuromythen (β = 0,24, p = 0,001) (Dekker et al., 2012). Der Confirmation Bias (Bestätigungsfehler: die Neigung, Informationen so zu suchen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen bestätigen) spielt dabei eine zentrale Rolle. In einer experimentellen Studie korrelierte er signifikant mit der Beibehaltung des Lernstilglaubens (r = 0,55) (Gerber & Sander, 2025).

Auch die Fachliteratur selbst nährt den Mythos. 91 % der aktuellen Forschungsarbeiten zu Lernstilen in der medizinischen Ausbildung behandeln das Konzept als nützlich (Newton et al., 2021). Wer als Lehrende*r nach Evidenz sucht, findet also überwiegend Bestätigung – ein Teufelskreis (Newton, 2015).

Wenn der Mythos schadet

Lernstiltypen klingen harmlos. Drei experimentelle Studien zeigen aber, dass Lernstil-Labels die Wahrnehmung des akademischen Potenzials von Kindern verzerren. Eltern und Lehrkräfte schätzten "visuelle Lerner" als intelligenter ein als "haptische Lerner" (d = 0,68) und trauten ihnen mehr in Kernfächern wie Mathematik und Sprachen zu (Sun et al., 2023). Haptische Lerner wurden dagegen vor allem in Sport und Kunst verortet. So werden aus gut gemeinten Etiketten Schubladen, die Erwartungen und Chancen begrenzen.

Gleichzeitig verdrängt der Lernstilglaube Strategien mit nachgewiesener Wirksamkeit. Ressourcen fließen in teure Diagnostik und Differenzierung nach Typen, statt in Methoden wie den Testing-Effekt, bei dem wiederholtes Abrufen zu deutlich besserem Langzeitbehalten führt als wiederholtes Lesen (61 % vs. 40 % nach einer Woche, d = 1,26) (Roediger & Karpicke, 2006, siehe auch einen der vorherigen Blogbeiträge zum Thema: 3, 5 oder doch 10 Stunden? Die optimale Lerndauer – klüger lernen statt einfach nur büffeln).

Was wir (noch) nicht wissen

Die Evidenzlage gegen die Meshing-Hypothese ist deutlich. Einige Fragen bleiben aber offen:

  • Gibt es Spezialfälle? Einige wenige Studien finden kleine Effekte in bestimmten Kontexten. Ob es Nischenbereiche gibt, in denen modalitätsspezifische Anpassung doch hilft, ist nicht abschließend geklärt (Clinton-Lisell & Litzinger, 2024).
  • Warum genau ist der Mythos so resistent? Die Rolle des Confirmation Bias (Bestätigungsfehler, siehe oben) bei der Persistenz des Mythos ist belegt, die tieferen kognitiven und sozialen Mechanismen aber nur teilweise verstanden (Gerber & Sander, 2025).
  • Was genau wirkt an Interventionen? Gezielte Fortbildungen reduzieren den Glauben um 37–39 Prozentpunkte. Über die Langzeitstabilität dieser Effekte wissen wir allerdings wenig (Newton & Salvi, 2020).
  • Dass Menschen Vorlieben für bestimmte Lernformate haben, ist unbestritten. Ob solche Präferenzen aber lernrelevant sind, jenseits von Motivation und Komfort, bleibt eine offene Frage (Willingham et al., 2015).

Achtung: Potenzielle Missverständnisse

  1. "Lernstile existieren nicht." → Falsch. Menschen haben Präferenzen. Was nicht funktioniert, ist die Anpassung der Lehre an diese Präferenzen (Meshing-Hypothese). Dieser Blogbeitrag hat versucht, den Unterschied zwischen Präferenz und Wirksamkeit klar zu machen.

  2. "Die Meta-Analyse von Clinton-Lisell und Litzinger zeigt doch einen Effekt (g = 0,31)! (Clinton-Lisell & Litzinger, 2024)" → Ja, aber: (a) nur 26 % zeigen Crossover-Interaktionen, (b) die Studienqualität ist niedrig und (c) die Effektgröße ist nach den Autorinnen zu klein für den Implementierungsaufwand.

  3. "Kanadlıs Meta-Analyse (Kanadli, 2016) zeigt große Effekte!" → Diese Meta-Analyse basiert ausschließlich auf türkischen Studien mit methodischen Besonderheiten. Die sehr hohen Effektstärken (d > 1,0) stehen im Widerspruch zur internationalen Forschungslage und werden daher im Blogbeitrag nicht als Hauptevidenz verwendet.

Fazit

  • Lernstiltypen haben keine belastbare empirische Grundlage. Meta-Analysen und experimentelle Studien finden entweder keine oder nur inkonsistente, zu kleine Effekte für die Meshing-Hypothese.
  • Fast 90 % der Lehrenden glauben dennoch daran. Dieser Anteil ist seit über einem Jahrzehnt nicht gesunken.
  • Für Lernende: Lasst Euch nicht auf einen "Typ" festlegen. Wählt die Lernmethode, die zum Stoff passt, nicht die, die einem Fragebogen zufolge "Eure" sein soll. Gerade Medizinstudierende profitieren von methodischer Flexibilität.
  • Für Lehrende Gezielte Aufklärung wirkt. Fortbildungen, die die Evidenzlage transparent machen, senken den Lernstil-Glauben signifikant. Die frei werdenden Ressourcen lassen sich besser einsetzen.
  • Für alle: Investiert lieber in bewährte Strategien wie Retrieval Practice (immer wieder testen), Spacing (Lernzeit gut verteilen) und Interleaving (verschiedene Themen/Aufgabentypen innerhalb einer Lernsitzung mischen). Dazu gibt es in Zukunft noch ein paar Blogbeiträge – bleibt dran …

Transparenzhinweis:

  • Interessenkonflikte: Keine angegeben.
  • Finanzierung: Keine Angabe.
  • KI-Nutzung: Claude Sonnet 4.5 (Anthropic) wurde ausschließlich zur sprachlichen Überarbeitung und zur Verbesserung der Verständlichkeit verwendet.
  • Eigene Beteiligung: Der Autor ist in der medizinischen Ausbildungsforschung tätig und publiziert in PubMed-gelisteten Zeitschriften. Neuerdings versucht er sich auch an einem wissenschaftlichen Blog.

Referenzen

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Clinton-Lisell, V., & Litzinger, C. (2024). Is It Really a Neuromyth? A Meta-Analysis of the Learning Styles Matching Hypothesis. Frontiers in Psychology, 15, 1428732. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1428732
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Gerber, Y., & Sander, E. (2025). Overcoming Educational Neuromyths: Exploring the Impact of Metaphorical Framing on Confirmation Bias and Beliefs. Cogent Education, 12(1), 2554015. https://doi.org/10.1080/2331186X.2025.2554015
Husmann, P. R., & O'Loughlin, V. D. (2019). Another Nail in the Coffin for Learning Styles? Disparities among Undergraduate Anatomy Students' Study Strategies, Class Performance, and Reported VARK Learning Styles. Anatomical Sciences Education, 12(1), 6–19. https://doi.org/10.1002/ase.1777
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Friederichs, H. (2026). Welcher Lernstil-Typ bist Du? https://doi.org/10.59350/znbp4-pgm73

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Lernstiltypen: Der Mythos, der nicht sterben will Fast 90 % aller Lehrenden weltweit sind überzeugt, dass Unterricht besser wirkt, wenn er zum Lernstil der Studierenden passt. Die Forschung sagt etwas anderes. "Ich bin ein visueller Typ" – wirklich? Habt Ihr das auch schon gehört, vielleicht sogar von Euch selbst gesagt?

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Dates

Issued
2026-03-12T00:00:00
Updated
2026-03-12T00:00:00

References

  1. Aslaksen, K., & Lorås, H. (2018). The Modality-Specific Learning Style Hypothesis: A Mini-Review. Frontiers in Psychology, 9. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.01538
  2. Clinton-Lisell, V., & Litzinger, C. (2024). Is it really a neuromyth? A meta-analysis of the learning styles matching hypothesis. Frontiers in Psychology, 15. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1428732
  3. Coffield, F., Moseley, D., Hall, E., & Ecclestone, K. (2004). Learning Styles and Pedagogy in Post-16 Learning: A Systematic and Critical Review. Learning and Skills Research Centre.
  4. Dekker, S., Lee, N. C., Howard-Jones, P., & Jolles, J. (2012). Neuromyths in Education: Prevalence and Predictors of Misconceptions among Teachers. Frontiers in Psychology, 3. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2012.00429
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  6. Gerber, Y., & Sander, E. (2025). Overcoming educational neuromyths: exploring the impact of metaphorical framing on confirmation bias and beliefs. Cogent Education, 12(1). https://doi.org/10.1080/2331186x.2025.2554015
  7. Husmann, P. R., & O'Loughlin, V. D. (2018). Another Nail in the Coffin for Learning Styles? Disparities among Undergraduate Anatomy Students' Study Strategies, Class Performance, and Reported VARK Learning Styles. Anatomical Sciences Education, 12(1), 6–19. https://doi.org/10.1002/ase.1777
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  15. Rogowsky, B. A., Calhoun, B. M., & Tallal, P. (2020). Providing Instruction Based on Students' Learning Style Preferences Does Not Improve Learning. Frontiers in Psychology, 11. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.00164
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  17. Willingham, D. T., Hughes, E. M., & Dobolyi, D. G. (2015). The Scientific Status of Learning Styles Theories. Teaching of Psychology, 42(3), 266–271. https://doi.org/10.1177/0098628315589505