Published March 5, 2026 | https://doi.org/10.59350/b9jmy-j1x70

Kein Plan, kein Paper?

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Kein Plan, kein Paper? Wie IMRAD und TEEL wissenschaftliches Schreiben leichter machen

Zwei Akronyme, die Euren nächsten Fachartikel retten können

Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, warum manche wissenschaftlichen Texte mühelos lesbar sind, während andere wie ein Labyrinth wirken? Das Geheimnis liegt oft nicht im Inhalt, sondern in der Struktur. Stellt Euch vor, Ihr backt einen Kuchen. Ihr habt alle Zutaten (Mehl, Eier, Zucker), aber kein Rezept. Das Ergebnis? Vermutlich essbar, aber chaotisch. Genau so ergeht es vielen beim wissenschaftlichen Schreiben. Die Daten sind da, die Ideen auch, aber ohne Gliederung entsteht Textbrei, der nicht so gut verdaulich ist.

Wer schon einmal vor einem leeren Dokument saß und nicht wusste, wo und wie man anfangen soll, kennt das Gefühl von der anderen Seite aus. Zwei unscheinbare Akronyme schaffen Abhilfe. IMRAD gibt den "Masterplan" vor, TEEL sorgt für Ordnung im Detail.

IMRAD: Das Grundgerüst jedes Forschungsartikels

IMRAD steht für Introduction, Methods, Results And Discussion, also Einleitung, Methoden, Ergebnisse und Diskussion. Dieses Schema hat sich seit den 1980er Jahren als internationaler Standard für empirische Originalarbeiten etabliert und ist heute das am häufigsten verwendete Format bei führenden Fachzeitschriften (Guimarães, 2006).

Die Idee dahinter ist einfach. Jede Sektion beantwortet eine zentrale Frage.

Sektion Kernfrage Praxistipp
Einleitung Warum ist das wichtig? Vom Allgemeinen zum Speziellen
Methoden Wie wurde vorgegangen? So detailliert, dass andere die Studie wiederholen könnten
Ergebnisse Was kam raus? Fokus auf relevante Daten, Redundanz vermeiden
Diskussion Was heißt das? Mit den wichtigsten Ergebnissen starten, nicht mit Wiederholungen

Ein häufiger Fehler in der Diskussion? Die ersten Sätze wiederholen nur den Studienzweck. Besser ist ein aktiver Einstieg wie "Unsere Studie zeigt, dass…" (Ebrahim, 2025).

Die Realität: Wie Forschende wirklich lesen

Obwohl fast alle Forschungsartikel nach dem IMRAD-Schema aufgebaut sind, lesen die meisten Forschenden sie nicht in dieser Reihenfolge. Eine Befragung unter 139 Forschenden zeigt diesbezüglich überraschende Muster. Fast alle (99 %) lesen den Abstract zuerst, und 75 % empfinden es als den am leichtesten lesbaren Abschnitt. Nur etwa ein Drittel liest danach die Einleitung als zweiten Abschnitt. Der Methodenteil wird dagegen als einer der schwierigsten Abschnitte wahrgenommen, obwohl er für die Bewertung der Studienqualität entscheidend ist (Shiely et al., 2024).

Was die Lesereihenfolge steuert, sind zwei Faktoren. Wahrgenommene Wichtigkeit und wahrgenommene Schwierigkeit. Je wichtiger ein Abschnitt erscheint, desto früher wird er gelesen. Je schwieriger, desto später. 28 % der Befragten hören nach dem Abstract auf zu lesen (haben wir das nicht alle irgendwie gewusst? (Shiely et al., 2024)).

Diese Befunde passen zu einem bekannten Problem. In einem systematischen Review von 105 experimentellen Studien der Medical Education enthielten nur 19 % der Abstracts eine Angabe zum Studiendesign und lediglich 46 % präsentierten quantitative Daten (Cook et al., 2007). Wenn der Abstract der Türöffner ist und oft auch der Ausgang, dann muss es allerdings sitzen.

Was Herausgeber empfehlen

Shahul H. Ebrahim, langjähriger Herausgeber (Editor) des Journal of Epidemiology and Global Health, hat praktische Tipps zusammengestellt, die über bloße Formatierungsregeln hinausgehen (Ebrahim, 2025).

Der Titel ist Euer Marketinginstrument. Wenn er zu lang oder zu vage ist, klicken Lesende weiter.
Der Abstract muss eigenständig verständlich sein und die wichtigsten Ergebnisse enthalten, ohne Verweise auf Tabellen und ohne offene Versprechen.
Und ein Grundsatz, der für den gesamten Text gilt: Klarheit schlägt Komplexität. Vermeidet Abkürzungen, Jargon und überladene Sätze.
Titel, Ziele, Methoden, Ergebnisse und Diskussion müssen wie Zahnräder ineinandergreifen (dies ist allerdings leichter gesagt als getan).

TEEL: Die Kunst des guten Absatzes

IMRAD regelt den Gesamtaufbau. Das TEEL-Schema kümmert sich um die Feinarbeit auf Absatzebene. TEEL steht für Topic Sentence (der erste Satz nennt das Thema), Explanation (der Kontext wird erklärt), Evidence (Belege stützen die Aussage) und Link (ein Schlusssatz verbindet zum nächsten Gedanken). Jeder Absatz funktioniert damit wie ein kleiner eigenständiger Text mit Leitidee, Begründung und Abschluss.

Ohne TEEL: "Die Ergebnisse waren signifikant. Frühere Studien zeigten Ähnliches. Das Thema ist wichtig."

Mit TEEL: "Unsere Analyse ergab einen signifikanten Zusammenhang zwischen X und Y (Topic). Dies lässt sich wahrscheinlich durch den Mechanismus Z erklären (Explanation). Vergleichbare Effekte fanden auch Müller et al. (2020) in einer größeren Kohorte (Evidence). Damit bestätigt sich die Hypothese, was Implikationen für die klinische Praxis hat (Link)."

Der Unterschied? Klarheit, Logik, Überzeugungskraft.

Die Kombination: IMRAD + TEEL gegen das leere Blatt

Beide Modelle ergänzen sich nahtlos. IMRAD beantwortet die Frage "Was gehört wohin?", TEEL klärt "Wie fülle ich jeden Absatz mit logisch aufgebautem Text?"

Gerade wer mit Schreibhemmung kämpft, profitiert von dieser Kombination. Statt vor einem leeren Dokument zu sitzen, gibt IMRAD vier klare Startpunkte. Und wer innerhalb eines Abschnitts nicht weiterkommt, kann mit TEEL in den einzelnen Absätzen Satz für Satz vorgehen. Die Struktur ersetzt nicht die Kreativität, aber sie nimmt dem Anfang den Schrecken.

Ein pragmatischer Workflow sieht so aus: Zuerst die Gliederung nach IMRAD erstellen. Dann jeden Abschnitt mit TEEL-Absätzen füllen. Anschließend noch mal prüfen, ob jeder Absatz einen Fokus, Belege und einen Übergang hat. Am Ende kontrollieren, ob Titel, Ziele und Ergebnisse synchron sind (Ebrahim, 2025).

Was wir (noch) nicht wissen

So nützlich diese Schemata sind, sie haben natürlich auch ihre Grenzen. Die hier zitierten Quellen sind überwiegend Praxisleitfäden und didaktische Empfehlungen, keine randomisierten Studien, die "beweisen", dass IMRAD oder TEEL zu besseren Texten führen. Flexibilität bleibt dementsprechend nötig. Pädagogische Literatur warnt bereits vor "death by TEEL", also vor monotonen, vorhersehbaren Texten bei zu dogmatischer Anwendung (McKnight & Wood, 2020). Erfahrene Autorinnen und Autoren weichen bewusst ab, gerade wenn es der Verständlichkeit dient.

Offene Fragen bleiben. Warum wird der Methodenteil als so schwierig empfunden, und wie könnte er lesbarer werden? Sind stärker strukturierte Abstracts tatsächlich besser als IMRAD-Abstracts? Eine Querschnittsstudie deutet darauf hin, dass Abstracts mit detaillierteren Unterüberschriften eine höhere Berichtsqualität aufweisen (Hua et al., 2018). Und wie lässt sich die Kluft zwischen der Bedeutung des Abstracts und seiner oft mangelhaften Qualität schließen (Cook et al., 2007)?

Die hier dargestellten Modelle sind Heuristiken, keine starren Vorschriften. Hilfreiche Gerüste, aber eben keine Fesseln.

Fazit: Was Ihr mitnehmen könnt

  • Der Abstract entscheidet. Die meisten Lesenden steigen dort ein, und viele steigen dort auch wieder aus (Shiely et al., 2024). Investiert Zeit in ein präzisen, eigenständigen Abstract.
  • IMRAD ist Standard, aber kein Dogma. Das Schema hilft, alle relevanten Informationen logisch zu präsentieren (Guimarães, 2006). Lesende navigieren trotzdem flexibel.
  • TEEL hilft auf Absatzebene. Besonders für Schreibanfänger ist das Schema ein nützliches Gerüst, solange es nicht zur Formel erstarrt (McKnight & Wood, 2020).
  • Klarheit vor Komplexität. Kurze Sätze, wenige Abkürzungen, aktive Sprache (Ebrahim, 2025).
  • Struktur gegen Schreibhemmung. Wer nicht weiß, wo und wie man anfangen soll: IMRAD gibt vier Startpunkte, TEEL füllt jeden davon Satz für Satz.

Wenn Ihr das nächste Mal vor einem leeren Dokument sitzt, denkt an den Kuchen. Mit dem richtigen Rezept wird's was.

Transparenzhinweis:

  • Interessenkonflikte: Keine angegeben.
  • Finanzierung: Keine Angabe.
  • KI-Nutzung: Claude Sonnet 4.5 (Anthropic) wurde ausschließlich zur sprachlichen Überarbeitung und zur Verbesserung der Verständlichkeit verwendet.
  • Eigene Beteiligung: Der Autor ist in der medizinischen Ausbildungsforschung tätig und publiziert in PubMed-gelisteten Zeitschriften. Neuerdings versucht er sich auch an einem wissenschaftlichen Blog.
Tipp

Mehr zum Thema:

IMRAD und TEEL sind nur der Anfang. Im Medical Education Science Program (MESP) geht es ausführlicher um wissenschaftliches Schreiben und Publizieren in der Medical Education.

Wenn Euch das Thema interessiert, schaut gerne mal vorbei: Link zum MESP

Referenzen

Cook, D. A., Beckman, T. J., & Bordage, G. (2007). A Systematic Review of Titles and Abstracts of Experimental Studies in Medical Education: Many Informative Elements Missing. Medical Education, 41(11), 1074–1081. https://doi.org/10.1111/j.1365-2923.2007.02861.x
Ebrahim, S. H. (2025). Scientific Writing– an Editor's Memo to Emerging Authors-1. Journal of Epidemiology and Global Health, 15(1), 128. https://doi.org/10.1007/s44197-025-00476-w
Guimarães, C. A. (2006). Structured Abstracts: Narrative Review. Acta Cirurgica Brasileira, 21(4), 263–268. https://doi.org/10.1590/S0102-86502006000400014
Hua, F., Walsh, T., Glenny, A.-M., & Worthington, H. (2018). Structure Formats of Randomised Controlled Trial Abstracts: A Cross-Sectional Analysis of Their Current Usage and Association with Methodology Reporting. BMC Medical Research Methodology, 18(1), 6. https://doi.org/10.1186/s12874-017-0469-3
McKnight, L., & Wood, N. (2020). Death by TEEL: Are Formulas for Writing Harmful? EduResearch Matters (AARE). https://blog.aare.edu.au/death-by-teel-are-formulas-for-writing-harmful/
Shiely, F., Gallagher, K., & Millar, S. R. (2024). How, and Why, Science and Health Researchers Read Scientific (IMRAD) Papers. PLOS ONE, 19(1), e0297034. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0297034

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@misc{friederichs2026,
  author = {Friederichs, Hendrik},
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  doi = {10.59350/xdfbq-c2n61},
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Kein Plan, kein Paper? Wie IMRAD und TEEL wissenschaftliches Schreiben leichter machen Zwei Akronyme, die Euren nächsten Fachartikel retten können Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, warum manche wissenschaftlichen Texte mühelos lesbar sind, während andere wie ein Labyrinth wirken? Das Geheimnis liegt oft nicht im Inhalt, sondern in der Struktur. Stellt Euch vor, Ihr backt einen Kuchen.

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Issued
2026-03-05T00:00:00
Updated
2026-03-05T00:00:00